Immer wieder werde ich nach meiner Herkunft gefragt. Ganz ploetzlich wie aus dem Nichts kommend, unverschaemt direkt, werde ich auf der Strasse einfach angesprochen, aber irgendwie finde ich es sympathisch. So oft wie die Frage kommt, genau so oft bekomme ich eine Geschichte zu hoeren ueber Deutsche, die hier leben. Irgendwie erschreckend und heimisch zugleich ist es zu wissen, dass hier viele Deutsche und Oesterreicher leben. Aber unheimlich ist mir, dass die ganze Region und die 3 Staedte, Oxapampa, Villa Rica und Pozuzo, von Deutschen Einwanderern um 1900 gegruendet wurde. Noch abscheuerlicher ist der Gedanke, dass erst seit den 70er Jahren in Pozuzo Perunar (vermischte Gruppen mit asiatischem, europaeischen (meist spanischen) und afroperuanischem Blut), Indigene und andere Gruppen eingezogen sind. Ungefaehr 70 Jahre haben 10 Familien Inzest betrieben. Letztens habe ich auch ein Maedchen aus Pozuzo kennengelernt. Sie ist „mehr“ deutsch als ich, ... reinrassig, arisch wuerde ich es schon fast nennen wollen. Die Haeuser sind nach tirolischem Stil gebaut, es gibt eine deutsche Disko dort. Gott sei Dank, ist es bei mir in Villa Rica „weniger deutsch“. Nur viele Nachnamen wie „Schuler, Hauser, Brack“ etc. tauchen in meinem Alltag auf, sowie gute und schlechte Geschichten ueber meine deutschen Vorgaenger.
Seit die Deutschen den Urwald eroberten sind viele Jahre vergangen. Hier lebten natuerlich schon zuvor Yanesha und Ashaneka Indigene, aber wie oft bekommt man zu hoeren, dass Columbus Amerika eroberte. Die Geschichte sollte immer mit „Zweitens“ beginnen, wenn ueber Einwanderungen und Eroberungen gesprochen wird. Also, in dem Sinne:
Zweitens, da die Deutschen und Oesterreicher die Stadt Villa Rica erbauten, gibt es natuerlich Feste bei denen auch unter anderem deutsche Taenze aufgefuehrt werden. So ein Fest, naemlich der gross angekuendigte Geburtstag von der Kleinstadt, habe ich miterleben duerfen. Zwar habe ich die deutschen Taenze verpasst, aber die Ashaneka nicht. Wunderschoen mit den bunten Kleidern und der Musik im Hintergrund. Die traditionellen Taenze richteten sich gegen die Spanier und die damit verbundene Katholizierung des Volkes. Gross angekuendigt mit Programmheften und angeblich eine Woche Feierei, habe ich erlich gesagt nicht viel mitbekommen, ausser jeden Tag 5 Minuten ein klitzekleines Feuerwerk gestartet wurde. Am Wochenende war mehr davon zu sehen mit Konzerten, Spielwiese (Billiard, Kicker), viel leckerem Essen, Staenden und mit viel Musik, Gesang und Tanz. Zu dem besonderen Ereignis sind auch zwei Freunde aus Oxapampa gekommen, die auch Freiwillige aus Deutschland sind.
Angekommen, wurde mir irgendwie klar, dass sie sich selber absondern. Direkt gesagt wurde es nicht zu mir von den DESCO-Mitarbeitern, aber hingewiesen. Sie bauen nur das an, was sie selber verzaehren. Besitzen kein Geld und kaufen sich nichts. Den ganzen Tag essen sie nur Yuka (eine Kartoffelart). Zum Fruehstueck vermischt mit viel Wasser und Milch. Mittagessen fritiert. Abendessen gekocht. Fleisch essen sie selten, dann auch fast ausschliesslich Wildfleisch aus dem Wald. Und waehrend mir das gesagt wird, sehe ich ein kleines Maedchen, vielleicht 4 Jahre als, mit einem aufgeblaehten Bau. So ein wie es nur im Fernsehen zu sehen bekommt, Bilder aus Afrika. Nie haette ich gedacht, dass ich selber eins sehen werde. Ich war sprachlos und geschockt. Schnell habe ich meinen Kopf gesenkt. Habe ich gerade wirklich das gesehen? Ja. Noch einmal schaute ich es an. Das Maedchen hatte Angst vor uns und versteckte sich hinter dem Haus. Ich fragte leise Marco, einen Mitarbeiter, und er sagte, dass es von der Fehlernaehrung kommt und von den vielen Wuermern und Parasiten, die z.B. in Fleisch vorkommen.
So unwahr und sureal wie diese Begegnung war, verlief der Tag auch weiterhin. Der Curso stellte die NRO (nicht-Regierungsorganisation) DESCO vor und seine Taetigkeiten ueber Kaffee. Die Anfrage um ihnen Starthilfe zu geben, ging von der Comunidad aus, damit sie ein bisschen Geld nebenbei verdienen koennten um z.B. Kleidung und Schulhefte zu kaufen, . Die Fragen anschliessend waren sehr kritisch und machen deutlich, wie verwundbar sie sind. Aus Selbstschutz kritisch... „Wieso wollt ihr uns helfen...“, „wie werden wir in Kontakt verbleiben, wir haben kein Handynetz, werdet ihr uns auch nicht im Stich lassen und/oder vergessen?“. Da wir als Freiwillige vorgestellt wurden, die ueber Kaffee ein bisschen lernen wollen etc., wurde sofort ein Statement vom Praesidenten abgegeben: „Deutsche Freunde, baut uns ein Sendemast, wir wollen ein Handynetz haben.“. Sofort haben sie uns Deutsche mit deutschen Ingeniereun verbunden, die ihnen etwas „schenken“ wollen. Als dann der Praesident in der indigenen Sprache Ashaneka mit den restlichen Zuhoerern gesprochen hat, wandte er sich spaeter an uns und kommentierte, dass „ er nicht in einer fremden Sprache fuer ihn, wichtige Sachen besprechen wuerde, es tut ihm zwar leid, aber verbiegen tut er sich nicht...“.
| Die wunderschoene Selva |
Auf der noch laengeren Wanderung zurueck zum Haus, viel der Aufstieg natuerlich noch schwerer. Nicht zu vergessen ist, dass ich viel mehr Gewicht im Rucksack hatte. Der Mann der fast nichts besitzt, nur das was er selber anbaut, gab mir eine weitere Papaya, viele Limetten und Zitronen als Geschenk. Die Frau des Bauern begruesste uns schon mit einem weiterem Getraenk im Schatten eines Mangobaumes. Nach dem Mittagessen, selbst gebratenes Huehnchen aus Tupperdosen, auf dem Rasen im Schatten, kam uns ein weiterer Bauer entgegen, den wir schon vorher gesucht hatten. Doch auf seiner Finka war er nicht aufzufinden, da er seinen Bullen suchen gegangen war, der abgehauen ist. Natuerlich ist der Bulle sehr kostbar, und eine gefaehrliche Wanderung von 2 Tagen ist es wert, einen kostbaren Schatz der seine 3 Monatseinkommen kostet, zu suchen. Der Mann lied uns ebenfalls zu sich ein. Er strahlte so viel Waerme und Gastfreundlichkeit aus; sofort stellte er viele Minibanen und grosse Bananen auf dem Tisch und wir unterhielten uns. Als er fragte wie es mir denn gefiel die Selva, unterbrach der Mitarbeiter mich und ergaenzte als Information, dass ich aus Deutschland sei. Der herzliche Mann, laechelte mich an, sodass seine Augen glaenzten und sagte als Entschuldigung fuer sein kleines, schmutziges Zuhause: „Mein Haus ist klein, aber mein Herz ist gross.“. Ich war unglaublich geruehrt, ich hatte Traenen in den Augen. Wie gut kann ein Mensch sein... einer Fremden mit so viel Liebe entgegen zu kommen... Er sagte zum Schluss, dass ich Peru,sein geliebtes Land, kennenlerne und dass er gern mein Land kennenlernen moechte. Ich bejahte, so herzlich wie moeglich, doch mit einem Kloss in meinem Hals. Der Mann hat nichts und wird wahrscheinlich auch nichts haben, so leid es mir auch tut, aber dies ist die bittere Wahrheit. Er kann sich nicht einmal ein richtiges, vollwertiges Mittagsessen kochen... Wie soll er mich denn besuchen kommen, so sehr ich mir es auch wuenschen koennte? Er reichte mir weitere 2 kg Bananen und 4 Maiskolben. Mehr als „muchisima gracias“ und ein Haendeschuetteln mit 2 meiner Haende konnte ich ihm nicht geben. Koennt ihr euch vorstellen, dass dieser inspirierende Mann sich bei mir bedankt hat?
Am Abend fuhren wir zurueck zu der Finka von dem Mitarbeiter und wir ernteten Avocados, da sie sonst ueberreifen. Er kletterte auf den grossen Baum und pflueckte die Avocados und schmiss sie zu mir und ich sammelte sie. 150 Stueck ingesamt. Davon 30 fuer mich.
Fuer solche Momente weiss ich wieso ich hier bin! Immer wieder werde ich daran erinnert wie gut mir dieses Jahr tut, was fuer eine Freundlichkeit, Herzlichkeit mir entgegen gestrahlt wird. Diese Waerme, nicht nur Sonnenwaerme, werde ich auftanken und zu euch bringen, nach Deutschland und Polen : )
Versprochen!

