Samstag, 23. Oktober 2010

„Mein grosses, grosses Herz...“

Immer wieder werde ich nach meiner Herkunft gefragt. Ganz ploetzlich wie aus dem Nichts kommend, unverschaemt direkt, werde ich auf der Strasse einfach angesprochen, aber irgendwie finde ich es sympathisch. So oft wie die Frage kommt, genau so oft bekomme ich eine Geschichte zu hoeren ueber Deutsche, die hier leben. Irgendwie erschreckend und heimisch zugleich ist es zu wissen, dass hier viele Deutsche und Oesterreicher leben. Aber unheimlich ist mir, dass die ganze Region und die 3 Staedte, Oxapampa, Villa Rica und Pozuzo, von Deutschen Einwanderern um 1900 gegruendet wurde. Noch abscheuerlicher ist der Gedanke, dass erst seit den 70er Jahren in Pozuzo Perunar (vermischte Gruppen mit asiatischem, europaeischen (meist spanischen) und afroperuanischem Blut), Indigene und andere Gruppen eingezogen sind. Ungefaehr 70 Jahre haben 10 Familien Inzest betrieben. Letztens habe ich auch ein Maedchen aus Pozuzo kennengelernt. Sie ist „mehr“ deutsch als ich, ... reinrassig, arisch wuerde ich es schon fast nennen wollen. Die Haeuser sind nach tirolischem Stil gebaut, es gibt eine deutsche Disko dort. Gott sei Dank, ist es bei mir in Villa Rica „weniger deutsch“. Nur  viele Nachnamen wie „Schuler, Hauser, Brack“ etc. tauchen in meinem Alltag auf, sowie gute und schlechte Geschichten ueber meine deutschen Vorgaenger.

Seit die Deutschen den Urwald eroberten sind viele Jahre vergangen. Hier lebten natuerlich schon zuvor Yanesha und Ashaneka Indigene, aber wie oft bekommt man zu hoeren, dass Columbus Amerika eroberte. Die Geschichte sollte immer mit „Zweitens“ beginnen, wenn ueber Einwanderungen und Eroberungen gesprochen wird. Also, in dem Sinne:

Zweitens, da die Deutschen und Oesterreicher die Stadt Villa Rica erbauten, gibt es natuerlich Feste bei denen auch unter anderem deutsche Taenze aufgefuehrt werden. So ein Fest, naemlich der gross angekuendigte Geburtstag von der Kleinstadt, habe ich miterleben duerfen. Zwar habe ich die deutschen Taenze verpasst, aber die Ashaneka nicht. Wunderschoen mit den bunten Kleidern und der Musik im Hintergrund. Die traditionellen Taenze richteten sich gegen die Spanier und die damit verbundene Katholizierung des Volkes.  Gross angekuendigt mit Programmheften und angeblich eine Woche Feierei, habe ich erlich gesagt nicht viel mitbekommen, ausser jeden Tag 5 Minuten ein klitzekleines Feuerwerk gestartet wurde. Am Wochenende war mehr davon zu sehen mit Konzerten, Spielwiese (Billiard, Kicker), viel leckerem Essen, Staenden und mit viel Musik, Gesang und Tanz. Zu dem besonderen Ereignis sind auch zwei Freunde aus Oxapampa gekommen, die auch Freiwillige aus Deutschland sind. 

Nach dem doch sehr „deutschem“ Wochenende mit deutschen Freunden, deutscher Geschichte und deutschem Essen, fiel mir ein kurzer Aufenthalt in einem indigenen Dorf schwer. Nicht nur kulturell, sondern irgendwie fiel es mir auch psychisch schwer. Zuerst war ich wieder total beeindruckend mit der Natur, als wir 1 ½ Stunden mit dem Moto durch den Nebenwald und spaeter durch den Regenwald (tiefer gelegen) in den Morgenstunden fuhren. Als wir ankamen, erkannte ich sofort den Baustil der Haeuser. Hier gibt es viele „comunidades nativas“ wie es hier genannt wird, doch viele kennen die indigene Sprache nicht und sind sehr „westlich“. Nur der Bau der Haueser und die Gesichtszuege lassen darauf hinweisen, dass sie Nativas sind.(Ich moechte den Ausdruck Indianer nicht verwenden, weil die Nativas ihn selber nicht verwenden und machne sich sehr beleidigt, erniedriegt und verwundet durch ihn fuehlen fuehlen, da es sehr komplex mit viel Leid, Verwundung und Traumata zusammenhaengt. Ein Ausdruck der ihnen einfach aufgezwaengt wurde durch die Spanier.).

Angekommen, wurde mir irgendwie klar, dass sie sich selber absondern. Direkt gesagt wurde es nicht zu mir von den DESCO-Mitarbeitern, aber hingewiesen. Sie bauen nur das an, was sie selber verzaehren. Besitzen kein Geld und kaufen sich nichts. Den ganzen Tag essen sie nur Yuka (eine Kartoffelart). Zum Fruehstueck vermischt mit viel Wasser und Milch. Mittagessen fritiert. Abendessen gekocht. Fleisch essen sie selten, dann auch fast ausschliesslich Wildfleisch aus dem Wald. Und waehrend mir das gesagt wird, sehe ich ein kleines Maedchen, vielleicht 4 Jahre als, mit einem aufgeblaehten Bau. So ein wie es nur im Fernsehen zu sehen bekommt, Bilder aus Afrika. Nie haette ich gedacht, dass ich selber eins sehen werde. Ich war sprachlos und geschockt. Schnell habe ich meinen Kopf gesenkt. Habe ich gerade wirklich das gesehen? Ja. Noch einmal schaute ich es an. Das Maedchen hatte Angst vor uns und versteckte sich hinter dem Haus. Ich fragte leise Marco, einen Mitarbeiter, und er sagte, dass es von der Fehlernaehrung kommt und von den vielen Wuermern und Parasiten, die z.B. in Fleisch vorkommen. 
 

So unwahr und sureal wie diese Begegnung war, verlief der Tag auch weiterhin. Der Curso stellte die NRO (nicht-Regierungsorganisation) DESCO  vor und seine Taetigkeiten ueber Kaffee. Die Anfrage um ihnen Starthilfe zu geben, ging von der Comunidad aus, damit sie ein bisschen Geld nebenbei verdienen koennten um z.B. Kleidung und Schulhefte zu kaufen, . Die Fragen anschliessend waren sehr kritisch und machen deutlich, wie verwundbar sie sind. Aus Selbstschutz kritisch... „Wieso wollt ihr uns helfen...“, „wie werden wir in Kontakt verbleiben, wir haben kein Handynetz, werdet ihr uns auch nicht im Stich lassen und/oder vergessen?“. Da wir als Freiwillige vorgestellt wurden, die ueber Kaffee ein bisschen lernen wollen etc., wurde sofort ein Statement vom Praesidenten abgegeben: „Deutsche Freunde, baut uns ein Sendemast, wir wollen ein Handynetz haben.“. Sofort haben sie uns Deutsche mit deutschen Ingeniereun verbunden, die ihnen etwas „schenken“ wollen. Als dann der Praesident in der indigenen Sprache Ashaneka mit den restlichen Zuhoerern gesprochen hat, wandte er sich spaeter an uns und kommentierte, dass „ er nicht in einer fremden Sprache fuer ihn, wichtige Sachen besprechen wuerde, es tut ihm zwar leid, aber verbiegen tut er sich nicht...“. 

Die wunderschoene Selva
Es war eine sehr schoene Erfahrung, auf eine andere Art und Weise, aber doch sehr schoen. Die letzten Tage, hatte ich wieder so schoene Momente. Um 6 Uhr morgens holte mich ein Mitarbeiter ab und wir fuhren ca 2 Stunden ueber eine Holperpiste zu seiner eigenen Finka und dort Fruehstueck zu essen. Fast alle in der Gegend besitzten ein Haus in der Stadt oder im Dorf und eines, naemlich die Kaffeefinka auf dem Land („Campo“). Dort bereiteten wir das Huehnchen vor fuer das Fruehstueck und fuer das Mittagessen. Nach dem Essen fuhren wir weitere 30 Minuten durch Stock und Stein, durch Fluesse und Wasserfaelle. Angekommen an einem Haus, wanderten wir geschwaecht von der Hitze (30 Grad) und Luftfeuchtigkeit zwei Stunden durch den Dschungel. Mit einer Machete um die Lianen und andere Pflanzen aus dem Weg zu schneiden. Wartet mal, bin ich in einem Film? Zwickt mich einer bitte, denn glauben kann ich es immer noch nicht nach fast 2 Monaten Extreme. Nach ca. 1 ½ Stunden Wanderung kamen wir an einen Fluss, der uns seit Villa Rica begleitet hatte. Ich sah die Kaffeepflanzen und die komplementaeren Kulturen, Bananen und Yuka, auf der anderen Seite des Flusses. Aber der Abhang war steinig und zu steil um sich dort runterzuhangeln. Ploetzlich fiel mir die Schnur ueber meinem Kopf auf. Seilbahn! Der Dschungel, der Fluss, die Machete, die Seilbahn und ich? Nein, das muss ein ein Traum sein! Na gut, Traum hin oder her. Auf der anderen Seite angekommen, begruesste uns ein sehr herzlicher alter Mann. Sofort wurde mir eine ganze Papaya in die Hand gedrueckt, zur Staerkung. Ein Getraenk (Flusswasser abgekocht und Limonen aus dem angebauten Baum und Zucker selbst gepresst aus Rohrzucker : ) ) auch gleich hinterher. Der Mitarbeiter und ich schauten uns die Kaffeepflanzen an, besprachen mit dem Bauern was zu verbessern ist, wie die Pflanzen geduengt werden, wie beschnitten werden. Der Mann wohnt allein, seine Frau in dem Haus zwei Stunden Wanderung. Das naechste Dorf/Kleinstadt ist weiter 2  ½ mit Auto entfehrnt. Um die Kaffeeernte zu verkaufen vergehen viele Tage und viele Kilometer per Fuss. Ein Sack Kaffee wiegt 50 kg, 4 mal taeglich wird jeweils ein Sack Kaffee zum naechsten Haus getragen... Ein bewundernswerter, alter, weiser Mann. Er liebt die Natur, er liebt seinen Kaffee und er liebt sein Leben. So viel Zufriedenheit wuerde ich mir in Deutschland wuenschen!
Seilbahn : )

Auf der noch laengeren Wanderung zurueck zum Haus, viel der Aufstieg natuerlich noch schwerer. Nicht zu vergessen ist, dass ich viel mehr Gewicht im Rucksack hatte. Der Mann der fast nichts besitzt, nur das was er selber anbaut, gab mir eine weitere Papaya, viele Limetten und Zitronen als Geschenk. Die Frau des Bauern begruesste uns schon mit einem weiterem Getraenk im Schatten eines Mangobaumes. Nach dem Mittagessen, selbst gebratenes Huehnchen aus Tupperdosen, auf dem Rasen im Schatten, kam uns ein weiterer Bauer entgegen, den wir schon vorher gesucht hatten. Doch auf seiner Finka war er nicht aufzufinden, da er seinen Bullen suchen gegangen war, der abgehauen ist. Natuerlich ist der Bulle sehr kostbar, und eine gefaehrliche Wanderung von 2 Tagen ist es wert, einen kostbaren Schatz der seine 3 Monatseinkommen kostet, zu suchen. Der Mann lied uns ebenfalls zu sich ein. Er strahlte so viel Waerme und Gastfreundlichkeit aus; sofort stellte er viele Minibanen und grosse Bananen auf dem Tisch und wir unterhielten uns. Als er fragte wie es mir denn gefiel die Selva, unterbrach der Mitarbeiter mich und ergaenzte als Information, dass ich aus Deutschland sei. Der herzliche Mann, laechelte mich an, sodass seine Augen glaenzten und sagte als Entschuldigung fuer sein kleines, schmutziges Zuhause: „Mein Haus ist klein, aber mein Herz ist gross.“.  Ich war unglaublich geruehrt, ich hatte Traenen in den Augen. Wie gut kann ein Mensch sein... einer Fremden mit so viel Liebe entgegen zu kommen... Er sagte zum Schluss, dass ich Peru,sein geliebtes Land, kennenlerne und dass er gern mein Land kennenlernen moechte. Ich bejahte, so herzlich wie moeglich, doch mit einem Kloss in meinem Hals. Der Mann hat nichts und wird wahrscheinlich auch nichts haben, so leid es mir auch tut, aber dies ist die bittere Wahrheit. Er kann sich nicht einmal ein richtiges, vollwertiges Mittagsessen kochen... Wie soll er mich denn besuchen kommen, so sehr ich mir es auch wuenschen koennte? Er reichte mir weitere 2 kg Bananen und  4 Maiskolben. Mehr als „muchisima gracias“ und ein Haendeschuetteln mit 2 meiner Haende konnte ich ihm nicht geben. Koennt ihr euch vorstellen, dass dieser inspirierende Mann sich bei mir bedankt hat?

Am Abend fuhren wir zurueck zu der Finka von dem Mitarbeiter und wir ernteten Avocados, da sie sonst ueberreifen. Er kletterte auf den grossen Baum und pflueckte die Avocados und schmiss sie zu mir und ich sammelte sie. 150 Stueck ingesamt. Davon 30 fuer mich. 

Fuer solche Momente weiss ich wieso ich hier bin! Immer wieder werde ich daran erinnert wie gut mir dieses Jahr tut, was fuer eine Freundlichkeit, Herzlichkeit mir entgegen gestrahlt wird. Diese Waerme, nicht nur Sonnenwaerme, werde ich auftanken und zu euch bringen, nach Deutschland und Polen : ) 
Versprochen!

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Gekaufte Stimmen ?



Am Sonntag hat endlich, endlich die absurde Non-Stopp-Party der verschiedenen Partein ein Ende genommen. Der 3.10.2010 war ein bedeutener Tag fuer alle Perunar – bedeutend  fuer die regionalen Politiker, deren Familienangehoerigen und teuer, armutsfoerdernd  fuer die Waehler.

Haeuserwaende, grosse Steine und alles
was eine Flaeche zum Werben bietet wird
genutzt
Wieso demokratische Wahlen teuer und armutsfoerdernd sind, fragt ihr euch? Es gibt Wahlpflicht in Peru. Dies bedeutet, dass die Millionen von Einwohner wie in biblischen Zeiten zu deren Anmeldeorten  pilgern muessen. Machmal auch mehrere Tage. Dies ist natuerlich fuer die Bauern unmoeglich. Haus, Vieh, Kinder nur  fuer 4 Kreuzchen allein lassen und die lange, teure Reise in Kauf nehmen (die machmal mehrere Wochengehaelter kostet der Bauern) ist aufwendig und nahezu unmoeglich. Den Anmeldeort zu wechseln ist auch nicht so einfach wie es leicht ueber die Lippen kommt oder wie leicht der banale Gedanke im Kopf schwirrt. Fuer die Behoerdengaenge  braeuchte man mehrere Tage oder sogar Wochen, moeglicherweise auch “Trinkgeld” welches natuerlich Korroptionsgeld ist mit dem der Prozess sich ploetzlich beschleunigen liese. Die Reise zu den Behoerden gestaltet sich schon schwierig. Wie soll den die arme Baeuerin erst in eine Stadt kommen, wenn sie schon zum naechsten Lebensmittelgeschaeft in ein Dorf mit 3 Haeusern 2 Stunden in eine Richtung wander muss!

Fuer die vielen Faellen der Unmoeglichkeit zu waehlen, auch auf Grund der besonderen Geografie Perus, hat die Regierung natuerlich einen Masterplan entwickelt: Die Bankkarte wird gesperrt, der Personalausweis entzogen und eine Strafe von 180 Soles folgt (zum Vergleich: ein Mittagsmenu kostet  5 Soles, 1,40 Euro, dies ist trotzdem nicht fuer alle erschwinglich). Die Reise wuerde ungefaehr das Gleiche kosten, nur das Plus ist, dass Vieh, Feldarbeiten und Kinder nicht vernachlaessigt werden.

Das beste Beispiel des "einander Uebertrumpfens":
Ein Wahrzeichen von Villa Rica. Am Anfang als ich ankam gab
 es nur das Herz. Spaeter folgen "Peru". Dies liesen die Fujimoris nicht durchgehen und kreierten das K. Zum Schluss kam der Slogen: "Alcade (Buergermeister) la Torre". Zwischendurch natuerlich das"SOMOS Peru" im Herzen!


Sogar die Palmen werden in Herzchen geformt...
Everybody goes loco!



Auch fuer mich war der Tag bedeutend: Endlich in Ruhe schlafen koennen, endlich ueber die Strasse gehen zu koennen und nicht ins Kichern zu kommen, wenn mein “Chef” mit mir in seiner politischen Gestalt redet. Wieso ich Chef in Anfuehrungsstrichen geschrieben habe, ist leicht zu erklaeren. Er ist Chef der NICHT-REGIERUNGSORGANISATION DESCO, taetig als Politiker wo er natuerlich auch Gehalt bekommt… Hmmm… Widerspruchlich? Seit dem Monat den ich in Villa Rica verbracht habe, habe ich ihn kein einziges Mal bei seiner richtigen Arbeit im Buero gesehen. Zusaetzlich hat mich es stutzig gemacht, dass er seit 3 Jahren in einer Beziehung mit einem Maedchen ist, das jetzt  erst 18 Jahre alt geworden ist. Zur Information, er ist 45 Jahre alt und kandidierte als President des Bundeslandes Pasco.

Es ist sehr lukrativ Politiker zu sein in Peru. Den Waehlern ist bewusst, dass der Politiker Geld, Staatsgelder in die eigene Tasche steckt. Stoeren tut es so lange nicht, wie der Politiker “noch” etwas tut. Auch wenn die Taten, Plaene und Organisation sinnlos, unsinnig und absurd ist. Hauptsache sei, er mache “etwas”.
Mein Gesicht spricht Baende...
Ich empfinde den ganzen Monat als ein einziges Werben, Einkaufen und Fiesta machen fuer die Partein. Erik und ich mussten immer lachen, als die Tausenden Karawanen in herzchenformten Verziehrungen von “Somos Peru” (“Wir sind Peru”) oder das orangene Meer von “Fuerza 2011” (“Staerke 2011” -->Fujimoris) an uns vorbeizogen. Dabei war es unmoeglich ohne stundenlang zu warten, die kleine Strasse zu ueberqueren. Wie oft sahen wir auf der Strasse kostenlose Mittagessen, alkoholische Getraenke oder sonstige Beguenstigungen fuer Passanten direkt vor einem Wahllokal oder einer Parteikammern. Wie oft ging es laut her als eine Partei lange in die Nacht feierte mit Propagandaschreien und Jingles (Musikuntermahlungen). Wie oft sah es laecherlich aus, als mein Chef durch die Strassen mit schoener Kleidung entlangspazierte. Vor allem in der Mittagshitze mit Calvin Klein und Joop Kleidung? In einem Dorf welches 100% aus Kaffeebauern besteht die immer mit Gummistiefel und schmutziger Kleidung umherlaufen? Dies habe ich meine Bekannten gefragt. Ich fragte verschiedene Leute aus allen Schichten, allen Altersgruppen und verschiedenen Bildungsgraden. Ich fragte sogar die Partein ob ich nicht eine Broschuere, eine Information oder einen (Propaganda-)Flyer bekommen koennte. In den meisten Faellen bekam ich nichts- es gab nichts. Zwei Mal bekam ich einen Zettel mit dem Parteinamen und allen Namen, die fuer die Partei arbeiten. Nicht zu vergessen ist natuerlich das Bild des Hauptkandidatens- schoen angezogen, mit der Gattin/Gatten an der Seite, oder mit einem Ingineurhelm. Nichts, keine einzige Information zum Programm, zum Grundgedanken der Partei oder sonst irgendwelche bedeutenden Flosskel ausser Namen…

Als Antwort fuer meine bohrenden Fragen bekam ich immer wieder : “ Der kommt aus einer guten Familie.”, “Er besitzt ein grosses Haus.”, “Er ist Ingenieur und wird uns helfen.”, “Ich mag seine Familie.”, “Aus Loyalitaet, schliesslich ist er mein Chef.”, “Er und seine Frau sind sehr sympatisch.”.
 So, ich glaube dies wird Realitaet genannt.

Die Hauptstrasse von Villa Rica  -  Kampf der Giganten


























 Sogar die einfachsten Fragen nach der politschen Richtung konnte mir keiner Beantworten. Es sei ja eh unwichtig. Der Kandidat muesse bloss Charisma besitzen und die Redenskunst beherrschen. Dies schockte mich noch mehr als das ganze Kindertheater mit den Parties, Stimmenkaufen, Autoschlangen, dass es niemanden interessiert ob die Partei liberal oder eher konservativ ist. Sogar Akademiker (Mitarbeiter) wuerden es nicht wagen “Somos Peru” (Chef) in Frage zu stellen. In jedem Haus haengen Fahnen mit dem jeweiligen Namen der geliebten, loyalen Partei. Jeder Mensch traegt entweder ein T-Shirts, Buttons, oder die Farben der Partein. Geheime Wahlen? Fehlanzeige- offener geht es kaum. Ich wurde sogar schief angeschaut als ich mit “no name” durch die Strassen wanderte. Als ich zufaelligerweise ein weisseses T-Shirt anhatte, wurde ich zu “Somos Peru” zugeordnet. (Ihr Symbol ist ein rotes Herz auf weissem Hintergrund.)

Plakate ueber Plakaten-
Wer behaelt da noch den Ueberblick?

Wer gewonnen hat ist eh unwichtig, aendert sich sowieso nichts. Jedenfalls hat “Somos Peru” gewonnen. Mein Chef, sein Bruder, und der ganze Rest des Vetternklans. Vernichtend finde ich das Resultat. Ach ja, der Bruder meines Chefes ist Ingeneur. Und es gibt 13 weitere Geschwister… 


Wenn sich “eh nichts aendert”, wieso muessen sich dann die Millionen von armen Menschen tief verschulden? Macht fuer euch keinen Sinn? Fuer mich auch nicht. Beendet wird die grosse Party/Fiesta/Siesta  auch nicht, schliesslich wird im April der President von Peru gewaehlt. Die Party, die Fahnen und die T-Shirts bleiben. Das Chaos geht weiter. Die Schulden der Bauern, Unterschichtlern und Mittelschichtlern muessen beglichen werden bis die naechsten unsinnigen Schulden angehaeuft werden.

Auf Hoch auf die Demokratie mit geheimen, offenen Wahlen!



Samstag, 2. Oktober 2010

Angekommen!

Ich bin angekommen! Endlich da. Das wusstet ihr wahrscheinlich schon einen Monat, genauso wie ich es wusste und weiss. Aber nein- ich meine mental angekommen. Im Kopf.
Die ersten zwei Wochen hatte ich Tage, wo ich an Deutschland and Polen nachgedacht habe, mir ueberlegt habe wie es denn sein wuerde, ich habe mir ausgemalt wie ich mich mit euch wieder begruesse und wie schon es sein wird. Ich gruebelte wieso ich mir immer die “schwereren” Schritte und Ziele im Leben gesetzt habe und nicht die einfachen: ein Jahr Amerika mit kindlichen 16 Jahren, bilinguals Abitur, ein weltwaerts-Jahr. Und das auch noch als eigentlich DAS “Problemkind” schlecht hin (ein Bild aus den Medien)- aus einer Migrantenfamilie stammend und von einer alleinerziehenden Mutter grossgezogen worden zu sein in einem Brennviertel von Berlin (Neukoelln).  Ich koennte es mir doch so viel einfacher gemacht haben…
Seit dem vorletzten Wochenende sind alle Gedanken weg. Also die boesen, die mich davon abgehalten haben, hier anzukommen. An einem Tag hatten wir eine DESCO- Besprechung. Erik und ich haben eine relative verantwortungsvolle Aufgabe bekommen naemlich alles zu fotografieren, zu dokumentieren und die Ergebnisse am Ende jedes Monats nach Lima zu schicken. Man solle schliesslich den Fortschritt der Entwicklungen von den spanischen Entwicklungsgelder sehen (DESCO hat zur Zeit kein Projekt welches Deutschland mitfinanzieren wuerde). Dies gab mir ein Gefuehl des Seins, mehr als des Nicht-Seins davor. Auf den Strassen angegafft zu werden wie ein Auserdischer, fotografiert und angefasst zu werden;  zu kaempfen um gleich viel wie Einheimische im Laden zu bezahlen usw., half da nicht weiter. Autos hielten machmal sogar an um zu gucken. Der kroehnende Hoehepunkt war  als sogar ein Polizeiwagen mitten in der Kurve stehen blieb nur um mir “Hola!” zuzurufen. Aber jediglich eine kleine Aufgabe im Buero, Verantwortung fuer Erik und mich und ein bisschen Verantwortung  fuer das Team zu haben, und schon veraenderte sich mein ganzes Bewusstsein.
Die Hauptstrasse
Am naechsten Tag ging es dann mit einem Mitarbeiter, Erik, Manuel, unserem Fahrer (von uns auch liebevoll als Schumi bezeichnet, weil er den so gern mag. Ralph mehr als Michael ; ) ) und natuerlich mit mir selbst ins 6 Stunden abgelegene Izscozasin in der tropischen Selva. Die Strasse war teilweise schlimmer als alles andere, nicht einmal Schrittgeschwindigkeit auf einer Hauptstrasse, die riesig auf der Landkarte gezeichnet war! In Peru wird nicht in Kilometern gemessen, sondern mit Stunden. Ihr werdet mir eh nicht glauben, dass Izsco “nur” 60 km entfehrnt ist, aber 6 Stunden gebraucht werden um es zu erreichen plus unsere 2 Stunden Bauarbeitenstopp.
Der Amazonaszufluss
Ich hatte so ein schoenes Wochenende. Mit Lourdes, Lia und Miguel im Land des Kakaos. DESCO hat dort eine Zweigstelle mit dem Schwerpunkt auf Kakao. Die zwei Maedchen sind Mitarbeiterinnen und Miguel ist der Freund von dem einem Maedchen, der durch Zufall unser Nachbar in Villa Rica ist. Die Welt ist doch so klein! Wir assen den ganzen Tag selbstgemachtes Milcheis mit Kokosnusssplittern und tranken den leckersten Kakao den es je auf der Welt zu trinken gibt. Lourdes hat Kakao von einer Baeuerin geschenkt bekommen (natuerlich selbst hergestellt) und ihn so schmackhaft zubereiten mit Nelken und Zimt. Goettlich… Wir spielten Volleyball, schwammen und kreuzten einen Amazonaszufluss den ganzen Nachmittag und Abend. Die Kulisse in meinen Gedanken die ich gerade review passiere, ist zu schoen um es mit nichtigen Worten auszudruecken.  Als wir ganz durchnaesst ins Buero ankamen um dort zu Abend zu essen, fing das Gewitter an. Wie ein Sommergewitter in Europa, bloss das es hier zum Alltag gehoert. Kein Strom, unser Dach leckte und wir sassen und schwatzen zu 10 in der Kueche, assen und tranken Kakao im Kerzenschein. Die Stimmung war gelassen und durch einen Moment lang mochte ich gar nicht mehr reden und lachen. Ich brauchte einen Moment um das Alles, die Erfahrugen, diese Freude und Herzlichkeit fuer einen Moment aufzusaugen.
Die Selva-Urwald


Ich am Rohrzucker knabbern
Angkommen in Villa Rica bin ich die folgenden Tage immer auf dem Campo gewesen. Die meiste Zeit mit Frederico, einem 35 jaehrigen Vater. Zwei Geschwister von ihm leben  in Deutschland. Noch kleiner wird die ach-so-grosse Welt : ). Er ist so lustig und herzerwaermend, er haelt sogar machmal mitten auf der Strasse um mir etwas zu erklaeren. Mit ihm unterwegs zu sein ist mehr Vergnuegen als Arbeit. Wir kaufen uns immer Obst auf dem Markt und nehmen es mit um es spaeter zu essen. Vielleicht tut er dies mir zu Liebe, da er rausgehoert hat, dass ich den Reis mit Huhn und Kartoffeln nicht mehr sehen kann. Jedenfalls setzen wir uns um 13 Uhr auf den Strassenrand, meistens neben einem kleinen Wasserfall um das Obst zu waschen. Auf dem Gras sitzend, knacken wir unsere Grenadine oder Maracuja mit den Fingern und lutschen die kleinen, saftigen Koerner aus. Oft mopsen wir uns auch eine reife Papaya vom Strassenrand. Nicht einmal in meinem kuehnsten Traeumen konnte ich mir vorstellen mitten im Urwald Obst zu naschen mit meinen Haenden, die als Werkzeug dienen. Das Wasser vom Wasserfall plaetschern hoeren und die bunten Voegel ueber meinen Koepfen kreisen zu zusehen.
 Die Menschen auf den (Kaffee-)Finkas sind unglaublich gastfreundlich. Zuerst sind sie gegenueber mit etwas zurueckhaltend, doch wenn sie merken, dass ich interessiert bin und mit meinem  zusammengereitem Spanisch etwas frage, oeffnet sich ihr grosses Herz. Obwohl die so wenig haben, schenken sie mir so viel. Nicht nur die Waerme die von ihnen ausstrahlt, sondern auch Obst, Gemuese und Getraenke. Wie oft wurde ich mit Frederico an einem “Arbeitstag” zu 5 Inkakolas (das Lieblingsgetraenk der Peruaner, leider von der Coca-Cola Company aufgegekauft und somit ist der Stolz der Perunaner gebrochen) eingeladen oder zu selbst gemachten Papaya-Bananen-Milch-Smoothy eingeladen, machmal bekommen wir ganze Mittagsessen oder ich komme mit 4 kg Bananen, 2 Ananas, Grenadinen und 2 kg Zitronen nach Hause an.
Mein Zimmer: links mein kleienr Schrank,
rechts mein Bett, mein Koffer als Nachttisch
dienend, und mein voller Tisch mit Obst, Ge-
muese, 50% bestimmt geschenkt bekommen!
Die Dankbarkeit die ich verspuer ist immens.  Aber die Woerter die ich ihnen sage, druecken nicht aus was ich spuere. “Gracias” und Variationen davon wie “vielen Dank” , “Danke sehr”, “ach nein,  es ist zu viel des Guten, danke” spiegeln nichts wieder wie ich empfinde. Allein auch im Team, wie oft ich nachfrage und wegen mir wir langsamer voran kommen mit unseren Aufgaben.  Oder zum Beispiel auf dem Markt, wenn mir Marktfrauen alles zum x-Mal die Unterschiede zwischen diesen und jenen Orangen, zwischen diesen Koernern und jenen Koernern, Bananen und Fruechten erklaeren, die ich noch nie gesehen hab. Wie oft lassen sie mich probieren und kaufen sogar Zucker und Salz nur um es mir schmackhafter zu machen. Ich fuehle mich so dankbar, dass ich das alles hier erleben kann und darf. Nur es erschreckt mich zu wissen, dass ich ihnen nichts wieder gegeben kann ausser 1 kg Bananen zu kaufen.
Wasserfall
Rolly, ich und Miguel
Dankbar bin ich auch fuer Miguel, unserem Nachbar. Er zeigt Erik und mir alles sehenswerte. Er ruft uns an und moechte mit uns etwas unternehmen. Wir waren zusammen mit noch einem anderem Freund, Rolly,den ich auf der Arbeit im Campo kennengelernt habe, als wir Honig hergestellt haben, (Eine Aktion fuer Kleinbauern um sich noch zusaetzlich ein anderes kleines Standbein zu bekommen.) 5 km wandern um zum Wasserfall von Villa Rica zu gelangen. Es war auch so ein traumhaft schoener Tag. Miguel und ich haben am Vortag beim Billiard spielen verloren und unsere Strafe war kochen. Er kochte zuerst und packte es in Tupperware ein und wir picknickten (drei Mal duerft ihr raten was wir assen? Faellt es euch nicht ein? Na kommt, so schwer ist es nicht… Reis, Huhn, Kartoffeln : D ) am Wasserfall und sprangen nach dem Essen in das eiskalte Wasser. Wir erklimmten den Berg und lachten viel. Der kroehnende Schluss war, als wir auf dem Nachhauseweg von Miguel kleine, suesse Orte gezeigt bekommen haben, die ich sonst nie gesehen haette. Ein kleines ca. 1,50m hohes Tor? Ein Zugang zu einem sehr idyllischen Plaetzchen am Fluss. Eine normale Kaffeefinka, die es hier millionenfach gibt? Nein- eine Rekreationsfinka mit Restaurant, Sportplatz, Karaoke etc.
In Deutschland war meine groesste Angst hier kein Anschluss zu finden. Alle Jugendlichen/jungen Erwachsenen sind weg. Entweder studierend in einer groesseren Stadt oder arbeitend auf den zahlreichen Finkas. Koennte ich mir jemals vorgestellt haben nach der dritten Woche wirkliche Freunde gefunden haben? Ach, mir geht es gerade so gut, das wollte ich euch wissen lassen. Und ich hoffe wirklich vom ganzen Herzen, dass ich euch ein Bild vermitteln kann wie atemberaubend die Natur, Menschen, Situationen und das Leben fuer mich hier ist.