Mittwoch, 6. Oktober 2010

Gekaufte Stimmen ?



Am Sonntag hat endlich, endlich die absurde Non-Stopp-Party der verschiedenen Partein ein Ende genommen. Der 3.10.2010 war ein bedeutener Tag fuer alle Perunar – bedeutend  fuer die regionalen Politiker, deren Familienangehoerigen und teuer, armutsfoerdernd  fuer die Waehler.

Haeuserwaende, grosse Steine und alles
was eine Flaeche zum Werben bietet wird
genutzt
Wieso demokratische Wahlen teuer und armutsfoerdernd sind, fragt ihr euch? Es gibt Wahlpflicht in Peru. Dies bedeutet, dass die Millionen von Einwohner wie in biblischen Zeiten zu deren Anmeldeorten  pilgern muessen. Machmal auch mehrere Tage. Dies ist natuerlich fuer die Bauern unmoeglich. Haus, Vieh, Kinder nur  fuer 4 Kreuzchen allein lassen und die lange, teure Reise in Kauf nehmen (die machmal mehrere Wochengehaelter kostet der Bauern) ist aufwendig und nahezu unmoeglich. Den Anmeldeort zu wechseln ist auch nicht so einfach wie es leicht ueber die Lippen kommt oder wie leicht der banale Gedanke im Kopf schwirrt. Fuer die Behoerdengaenge  braeuchte man mehrere Tage oder sogar Wochen, moeglicherweise auch “Trinkgeld” welches natuerlich Korroptionsgeld ist mit dem der Prozess sich ploetzlich beschleunigen liese. Die Reise zu den Behoerden gestaltet sich schon schwierig. Wie soll den die arme Baeuerin erst in eine Stadt kommen, wenn sie schon zum naechsten Lebensmittelgeschaeft in ein Dorf mit 3 Haeusern 2 Stunden in eine Richtung wander muss!

Fuer die vielen Faellen der Unmoeglichkeit zu waehlen, auch auf Grund der besonderen Geografie Perus, hat die Regierung natuerlich einen Masterplan entwickelt: Die Bankkarte wird gesperrt, der Personalausweis entzogen und eine Strafe von 180 Soles folgt (zum Vergleich: ein Mittagsmenu kostet  5 Soles, 1,40 Euro, dies ist trotzdem nicht fuer alle erschwinglich). Die Reise wuerde ungefaehr das Gleiche kosten, nur das Plus ist, dass Vieh, Feldarbeiten und Kinder nicht vernachlaessigt werden.

Das beste Beispiel des "einander Uebertrumpfens":
Ein Wahrzeichen von Villa Rica. Am Anfang als ich ankam gab
 es nur das Herz. Spaeter folgen "Peru". Dies liesen die Fujimoris nicht durchgehen und kreierten das K. Zum Schluss kam der Slogen: "Alcade (Buergermeister) la Torre". Zwischendurch natuerlich das"SOMOS Peru" im Herzen!


Sogar die Palmen werden in Herzchen geformt...
Everybody goes loco!



Auch fuer mich war der Tag bedeutend: Endlich in Ruhe schlafen koennen, endlich ueber die Strasse gehen zu koennen und nicht ins Kichern zu kommen, wenn mein “Chef” mit mir in seiner politischen Gestalt redet. Wieso ich Chef in Anfuehrungsstrichen geschrieben habe, ist leicht zu erklaeren. Er ist Chef der NICHT-REGIERUNGSORGANISATION DESCO, taetig als Politiker wo er natuerlich auch Gehalt bekommt… Hmmm… Widerspruchlich? Seit dem Monat den ich in Villa Rica verbracht habe, habe ich ihn kein einziges Mal bei seiner richtigen Arbeit im Buero gesehen. Zusaetzlich hat mich es stutzig gemacht, dass er seit 3 Jahren in einer Beziehung mit einem Maedchen ist, das jetzt  erst 18 Jahre alt geworden ist. Zur Information, er ist 45 Jahre alt und kandidierte als President des Bundeslandes Pasco.

Es ist sehr lukrativ Politiker zu sein in Peru. Den Waehlern ist bewusst, dass der Politiker Geld, Staatsgelder in die eigene Tasche steckt. Stoeren tut es so lange nicht, wie der Politiker “noch” etwas tut. Auch wenn die Taten, Plaene und Organisation sinnlos, unsinnig und absurd ist. Hauptsache sei, er mache “etwas”.
Mein Gesicht spricht Baende...
Ich empfinde den ganzen Monat als ein einziges Werben, Einkaufen und Fiesta machen fuer die Partein. Erik und ich mussten immer lachen, als die Tausenden Karawanen in herzchenformten Verziehrungen von “Somos Peru” (“Wir sind Peru”) oder das orangene Meer von “Fuerza 2011” (“Staerke 2011” -->Fujimoris) an uns vorbeizogen. Dabei war es unmoeglich ohne stundenlang zu warten, die kleine Strasse zu ueberqueren. Wie oft sahen wir auf der Strasse kostenlose Mittagessen, alkoholische Getraenke oder sonstige Beguenstigungen fuer Passanten direkt vor einem Wahllokal oder einer Parteikammern. Wie oft ging es laut her als eine Partei lange in die Nacht feierte mit Propagandaschreien und Jingles (Musikuntermahlungen). Wie oft sah es laecherlich aus, als mein Chef durch die Strassen mit schoener Kleidung entlangspazierte. Vor allem in der Mittagshitze mit Calvin Klein und Joop Kleidung? In einem Dorf welches 100% aus Kaffeebauern besteht die immer mit Gummistiefel und schmutziger Kleidung umherlaufen? Dies habe ich meine Bekannten gefragt. Ich fragte verschiedene Leute aus allen Schichten, allen Altersgruppen und verschiedenen Bildungsgraden. Ich fragte sogar die Partein ob ich nicht eine Broschuere, eine Information oder einen (Propaganda-)Flyer bekommen koennte. In den meisten Faellen bekam ich nichts- es gab nichts. Zwei Mal bekam ich einen Zettel mit dem Parteinamen und allen Namen, die fuer die Partei arbeiten. Nicht zu vergessen ist natuerlich das Bild des Hauptkandidatens- schoen angezogen, mit der Gattin/Gatten an der Seite, oder mit einem Ingineurhelm. Nichts, keine einzige Information zum Programm, zum Grundgedanken der Partei oder sonst irgendwelche bedeutenden Flosskel ausser Namen…

Als Antwort fuer meine bohrenden Fragen bekam ich immer wieder : “ Der kommt aus einer guten Familie.”, “Er besitzt ein grosses Haus.”, “Er ist Ingenieur und wird uns helfen.”, “Ich mag seine Familie.”, “Aus Loyalitaet, schliesslich ist er mein Chef.”, “Er und seine Frau sind sehr sympatisch.”.
 So, ich glaube dies wird Realitaet genannt.

Die Hauptstrasse von Villa Rica  -  Kampf der Giganten


























 Sogar die einfachsten Fragen nach der politschen Richtung konnte mir keiner Beantworten. Es sei ja eh unwichtig. Der Kandidat muesse bloss Charisma besitzen und die Redenskunst beherrschen. Dies schockte mich noch mehr als das ganze Kindertheater mit den Parties, Stimmenkaufen, Autoschlangen, dass es niemanden interessiert ob die Partei liberal oder eher konservativ ist. Sogar Akademiker (Mitarbeiter) wuerden es nicht wagen “Somos Peru” (Chef) in Frage zu stellen. In jedem Haus haengen Fahnen mit dem jeweiligen Namen der geliebten, loyalen Partei. Jeder Mensch traegt entweder ein T-Shirts, Buttons, oder die Farben der Partein. Geheime Wahlen? Fehlanzeige- offener geht es kaum. Ich wurde sogar schief angeschaut als ich mit “no name” durch die Strassen wanderte. Als ich zufaelligerweise ein weisseses T-Shirt anhatte, wurde ich zu “Somos Peru” zugeordnet. (Ihr Symbol ist ein rotes Herz auf weissem Hintergrund.)

Plakate ueber Plakaten-
Wer behaelt da noch den Ueberblick?

Wer gewonnen hat ist eh unwichtig, aendert sich sowieso nichts. Jedenfalls hat “Somos Peru” gewonnen. Mein Chef, sein Bruder, und der ganze Rest des Vetternklans. Vernichtend finde ich das Resultat. Ach ja, der Bruder meines Chefes ist Ingeneur. Und es gibt 13 weitere Geschwister… 


Wenn sich “eh nichts aendert”, wieso muessen sich dann die Millionen von armen Menschen tief verschulden? Macht fuer euch keinen Sinn? Fuer mich auch nicht. Beendet wird die grosse Party/Fiesta/Siesta  auch nicht, schliesslich wird im April der President von Peru gewaehlt. Die Party, die Fahnen und die T-Shirts bleiben. Das Chaos geht weiter. Die Schulden der Bauern, Unterschichtlern und Mittelschichtlern muessen beglichen werden bis die naechsten unsinnigen Schulden angehaeuft werden.

Auf Hoch auf die Demokratie mit geheimen, offenen Wahlen!



1 Kommentar:

  1. Woher nehmen diese armen Menschen Hoffnung und die Kraft, jeden Tag von Neuem zu beginnen? Oh, wie mich das wütend macht!!! LG Ute

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