Dienstag, 30. November 2010

Stillstand

Noch ganz genau 17 Tage und dann bin ich erloest... endlich! In Villa Rica, der ganzen Selva, in den NGO, das Leben und der ganze Rest wurde auf einen weiteren Gang runtergeschaltet. Wenn nicht sogar in den Leerlauf.

Seit zwei Wochen bin ich die meiste Zeit im Buero und mit dem Nichtstun beschaeftigt. Eines der Gruende sind das Wetter. Regen, Regen, Regen. Mehr Woerter fallen mir dazu nicht ein. Aber das komische ist, dass zwischendurch auch die Sonne scheint. Und dann ist es mal wieder unglaublich heiss und Freibadwetter. Also alles hat ein Ende und hoffentlich die langweilige Phase auch. Ich bin ganz zuversichtlich, denn ein weiterer Grund ist der Jahr das bald zuende gehen wird. Zwischenberichte, Abschlussberichte, Abrechnungen und all der andere buerokratische Kram ist die andere Seite der Goldmedaille. Dies muss natuerlich auch gemacht und abgeschickt  werden, verstaendlich, und deswegen bin ich auch im Buero, da fast keiner auf das Campo faehrt. 

Ein paar Male ging es dann doch ganz spontan auf das Campo um Bananenstauden von einem Bauern auf den Pick-up zu tragen, zu zaehlen, festzubinden und zum anderen Bauern zu fahren, abzuladen, zu zaehlen. Vielleicht ist Bananenstaude das falsche Wort, denn es ist eigentlich nur der Stamm der Bananepflanze, abgeschnitten mit einer Machete nur bis zu 40 cm Laenge mit den Wurzeln. Diese werden problemlos wieder eingepflanzt und es waechst innerhalb kuerzester Zeit ein neuer Bananenbaum. Der widerrum in nur wenigen Jahren weitere Bananenpflanzen per Wurzeln wachsen laesst. Also eine Bananenstaude produziert in kuerzester Zeit Bananen zum Essen und andere Bananenbaeume, die verkauft werden koennen. Eine weitere positive Eigenschaft ist, dass Bananenpflanzen eine super Ergaenzung, eine komplementaer Pflanze zu Kaffee darstellt. Die zwei Pflanzen brauchen andere Naehrstoffe, produzieren viele organische Abfaelle (die dann zu Kompost werden, dies passiert sehr schnell wegen der hohen Luftfeuchtigkeit und hohen Temperatur) und ausserdem dienen die Blaetter hervorragend als Schatten fuer die Kaffeepflanzen. Eine Bananenstaude kostet 1 Sol, also 25 europaeische Cent. Dies bezahlt im Vorraus DESCO und in einem Jahr, wenn die erste Ernte und somit der erste Ertrag von den neueingepflanzten Bananenbaeumen Gewinne erziehlt, bezahlen sie DESCO mit ein Jahr Verspaetung. Pro Bauern laden wir jeweils 800 Bananenstaude auf- und ab, jeder einzelne wiegt zwischen 0,5 kg und 4 kg. Ausserdem ist die Arbeit sehr dreckig, denn der Saft der Bananenpflanze ist unmoeglich rauszuwaschen mit oder ohne Persil. Aber wenigsten heitert das den trueben Alltag ein bisschen auf. Vor allem wenn wir zufaellig ins Tal fahren, wo es natuerlich ein ganz anderes Klima gibt...heisser ist es wahrscheinlich um 5 Grad... und somit Kokosnuesse ueberall zu finden sind. Ich werde hier richtig zum Kokosnuss-Esser und Geniesser. Alles esse ich gern mit Kokosnuessen und alle moeglichen Gerichte, Kekse und alles was sonst annaehernd mit Kokos zu tun hat : ) Koko-Manie : )
Am Wochenende war auch die Miss Pasco Wahl. Wortwoertlich hiess die Veranstaltung: „Miss Pasco World“. Huch? Pasco ist der Nabel der Welt... also wer das noch nicht wusste, ist jetzt schlauer geworden. Pasco ist uebrigens ein „Bundesland“ : D . Die Veranstaltung sollte um 19 Uhr anfangen laut Radiosendungen, laut Broschueren und Plakaten. Um 18:30 wollten Erik und ich los um uns mit einer Gruppe von Freunden vor der Halle zu treffen und um gute Plaetze zu erwischen. Auf dem Weg wurden wir angehalten von unserer Vermieterin und Restaurantbesitzerin und sie fragte was wir denn so frueh machen wuerden... Die Moral der Geschichte ist, dass die Misswahl erst um 21 Uhr anfaengt. Woher sie das wuessten, wissen sie selber nicht. Denn nach Programm faengt es ja um 19 Uhr an. Wir besuchten unsere Freunde, mit denen wir eigentlich verabredet waren um 18:30, auf dem Sportplatz, da sie ein Basketballspiel hatten. Natuerlich auch mit Verspaetung. Das Spiel sollte um 18 Uhr aufgehoert haben, angefangen hat es leider erst mit der „hora peruana“ (Peruanische Uhrzeit) um 19:30. Die Misswahl hatte insgesamt 4 Stunden Verspaetung. Und um 24 Uhr haben sollte es eigentlich schon zu Ende sein, aber dann hatten sie immer noch Technikprobleme und haben dann erst den Soundtest gemacht... naja, sollte man ihn nicht frueher, vor der Veranstaltung machen? Dementsprechend war auch meine Laune. Um 1 Uhr nachts lief immer noch nichts glatt, das Publikum musste aufgeheitert werden mit Applaus. In etwa: „Villa Rica klatscht jetzt. Wer ist alles aus Oxapampa...? ...“

So in etwa laeuft alles in Peru ab. Meine Freunde lachen auch immer, wenn ich genervt mit meinen Augen rollen und schreien laut: „Perruuuu“. Alle sind sich bewusst, dass das die Mentalitaet ist und eigentlich eine Unmoeglichkeit darstellt ein Event puenktlich anzufangen. Denn man wisse schon, dass es Verspaetung hat und deswegen kommt man auch spaeter an. Die kirchlichen Messen fangen sogar mit einer 30-minuetigen Verspaetung an. Wegen Bauarbeiten kommt das DESCO-Team einfach 4 Stunden zu spaet zu einem sehr wichtigem „cursco“ mit Presentatoren und allem drum und dran.

In 17 Tagen bin ich erst mal auf Reisen in Nordperu und Ecuador mit einer Gruppe von Weltwaertslern. Wir werden viele Staedte besuchen und jeweils immer bei den Freiwilligen vor Ort schlafen. Eine sehr guenstige Reiseform : ) Ich freu mich schon sehr. Endlich wieder bekannte Gesichter zu Gesicht bekommen und in sommerlichen Kueste zu reisen. Ein anderes mit bekanntes Gesicht werde ich am Wochenende wiedersehen. Ein Freund aus Amerika, der jetzt zur Zeit in Santiago de Chile studiert, wird mich besuchen kommen. Ihn habe ich schon 3 Jahre nicht mehr gesehen und ich freu mich unglaublich!

Mal schauen, ob mein Freund aus Amerika auch mit der „hora peruana“ ankommt! : )

Vamos a ver, como siempre. (Wir werden mal schauen, wie immer)

Donnerstag, 18. November 2010

Der Brautschleier und ein Geburtstag

In manchen Momenten kommt mir das Leben so surreal vor und dann wieder, in einem anderen Moment, werde ich mit Tatsachen auf den Bodens geworfen. Genau so ploetzlich geschieht dieser Sprung wie das Wetter hier wechselt. Die Regenzeit. Es faengt an. Der Untergang. Aber dazu wann anderes Mal, denn jetzt ist es gerade noch sonnig und ich moechte nichts hervorrufen. Zwar kann ich keinen Regentanz tanzen, aber vielleicht gibt es ja sowas wie ein „Blogartikel-Regen-Gefuehl“, wer weiss. Hier ist alles moeglich : ). Deswegen lass ich es lieber und schreibe dann auch ueber meinen Fortschritt des Bauen einer Arche Noah!


Das Team an dem Tag
Eines dieser Tage wie im Maerchenbuch, gefuellt mit Lachern, Erfahrungen, Spannung, Wehmut, Hoehepunkten und Tiefpunkten war dieser eine Tage als vier DESCO-Mitarbeiter und ich nach Yunculmas (zur der Comunidad Nativa worueber ich schon einmal berichtet habe („Mein grosses, grosses Herz“). Um kurz zur erklaeren: Das letzte Mal als wir dort waren, auf Anfrage des Praesidenten  der Kaffeeorganisation, haben wir einen „Curso“ gemacht ueber die Arbeit der NGO DESCO und wie wir ihnen ehrenamtlich helfen moechten den Lebensstandart zu verbessern. Die Bauern muessten wirklich nicht viel machen, nur mitarbeiten und Willen zeigen. Keine Unterschrift. Kein Druck. Kein (fast)Gar nichts.). An dem besagten Tag sollten wir die Kaffeeplantagen besichtigen, fuer das erste Einschaetzen und vielleicht fuer die kleinen ersten Verbesserungen. Denn die meisten Plantagen sind 30 Jahre alt, nicht gepflegt, arm an Ertrag. Aber mit ein paar wenigen Handgriffen, koennten sofort Erfolge erzielt werden wie z.B Ventilation der Finka (ein paar Aeste wegbrechen, die eh abgetrocknet sind) und aehnliche banale Arbeiten. Angekommen, erwarten uns schon 20 „Indigenas“. Langsam, langsam warm geworden, erzaehlen sie uns, dass sie Angst haben. Angst vor was, fragten wir uns. Vor der Mitarbeit. Abhaengig zu sein. Veraeppelt zu werden. Wir versuchten mit ihnen zu reden, ihre Aengste zu nehmen. Aber es gab keinen Erfolg. Sie haben Angst zu etwas zu unterschreiben, denn sie bezeichnen sich selber als ungebildet und nichtswissend. Sie muessten nichts unterschreiben, wollten wir ihnen erklaeren, aber nein. Ich weiss nicht wie ich es erklaeren soll. So viele Comunidad Nativas haben sehr gute Erfahrung mit uns, Mitarbeiter sind auch Indigenas, die auch die indigene Sprache sprechen koennen; aber wieso haben sie so Angst. Ich stelle mir das so schrecklich vor, Angst zu haben jemanden zu vertrauen zu koennen. Vor allem jemanden zu vertrauen, der nur die Hand ausstreckt und wirklich nicht viel mehr erwartet als die Hand anzunehmen und zusammen weiterzuarbeiten. Sie blockieren sich selber und werden diese Mentalitaet wahrscheinlich weiter leben und weiter an die Kinder geben. 

Enttaeuscht fuhren wir Fuenf weiter mit dem Auto. Wir sind zwei ganze Stunden gefahren um nur ein „nein“ zu hoeren. Wirklich enttaeuscht waren wir alle, aber ich war auch noch fassungslos dazu. Nach Hause oder in das Buero wollte keiner und somit fuhren wir durch die Gegend. Sinnloses Benzinvergeuden. Nicht ganz, denn als wir zufaellig in ein Dorf kamen, haben wir Plakate gebastelt um vielleicht dort mit Bauern eine Kaffeeorganisation zu gruenden (Um Maerkte erschliessen zu koennen muessen Bauern einer Organisation zugehoerig sein. Fuer Kleinbauern, ohne Organisation, ist es unmoeglich den Kaffee zu verkaufen ohne Einbussen zu erleiden.) und dort taetig zu werden mit der „asistencia tecnica“. Das war schnell erledigt und wir fuhren weiter. Vier erwachsene Maenner und ich, wie die Blume unter all dem  Gras (ein spanisches Sprichwort, worueber sie gelacht haben), die einen Humor haben wie kleine Kinder, buntes Kaugummieis moegen und sich mit Gras bewerfen, fuhren den ganzen Tag herum. Von 6 Uhr morgens bis um 17 Uhr.  Verschwendung der Entwicklungsgelder? (Kritik darf wohl geaeussert werden!) Sie erzaehlten und redeten irgendetwas von Brautschleier die ganze Zeit. Ich verstand nicht, dachte ich mir, dass ich mit meinem Brocken Spanisch bestimmt da ganz falsche Schluesse ziehe; so unwahrscheinlich ist das ja nicht. Schliesslich sind alle verheiratet und haben mehrere Kinder. Wieso dann der Brautschleier? Um 17 Uhr und ganz genau 200 km (da wir kreuz und quer gefahren sind und natuerlich die bekannten 10-30km/h) spaeter erfuhr ich das Geheimnis. Ein wahrhaftiges Geheimnis mitten im Dschungel. Ich habe alles richtig verstanden. Es ist ein wunderschoener, riesiger, inspirierender Wasserfall. 50 m fliesst er in die Tiefe, gigantisch. Unten vereinigen sich ein Fluss aus einer suedlicheren Richtung und der Wasserfall, bzw. der Fluss aus westlicher Richtung. Ploetzlich geht der erste Mitarbeiter ins Wasser, der Zweite folgt. Ich zoegerte nicht lange und rannte los ins warme Nass. Nicht zu leugnen ist, dass es schon November ist, und ich bade im Fluss, hoere vor mit den Wasserfall, der so duenn und ewig fliessend aussieht wie ein wunderschoener, unschuldiger Brautschleier. Ich lege mich auf das Wasser und sehe die ganzen bunten Voegel am Himmel kreisen. Sehe die Mitarbeiter lachen und rumplanschen. Ach, so schoen koennen Novemberabende sein. Nach einer Kokosnuss fuer uns alle und 5 Mangos fuer einen Sol (ca 25 cent) fuhren wir zurueck. Nach zahlreichen Chupetes (Milch-,Kokosnusseis, selbstgemacht und himmlisch lecker) erreichten wir Villa Rica. Arbeit kann ganz schoen anstregend sein, nicht wahr? Auf dem Heimweg wurde ich so oft gefragt, ob das ein schoener Tag fuer mich war. Ob ich mir Peru so vorgestellt habe und ob ich zufrieden bin. Ich habe das Gefuehl, dass sie das nur fuer mich gemacht haben. Was kann ich denn sagen, als dass das ein einzigartiger Tag war, ein Tag der sich wahrscheinlich so nie 
wiederholen wird. 

El Velo de la Novia


So wie die Tage gehen und kommen, so gehen und kommen die Jahre. Ich wurde 20. Angstvoll und doch total neutral entgegnete ich dem Tag. Als ich eine Austauschschuelerin in Amerika 2007 war, war mein Geburtstag  eine reine Katastrophe. Es war der einzige Tag an dem ich Heimweh hatte. Aber das war kein Heimweh mehr, 24 Stunden, eine gefuehlte Ewigekeit, habe ich bloss geweint. Deswegen war ich ein bisschen nervoes, wie es denn jetzt sein wird. Drei Jahre spaeter, in einem noch exotischerem Land und ganz allein (ohne Gastfamilie). Aber der Tag fuehlte sich an wie ein ganz normaler Tag, Alltag. Nur morgens wurde ich von einem munterem Erik aufgeweckt mit einer Torte voller Pfannkuchen. Zwischen den Pfannkuchen waren ganze Obstschichten und Schichten aus Haferschleim. Hmm... sooooo unglaublich lecker. Damit hat mir Erik so eine Freude gemacht. Auf der Arbeit war nichts los. Als wir dann abends gehen wollten, stoppten uns die Mitarbeiter. Wir assen noch Torte (richtige Sahne-, Kaffeetorte) und tranken Inka Cola bis zum spaeten Abend. Ein Geburtstag, ein wahrhaft toller Geburtstag, doch leider ganz ohne das Bewusstsein, dass ich schon 20 Jahre alt bin. Frueher in der Kindheit, habe ich mit Hilfe von Haenden gerechnet. Am 11.11. wurde ich ganze 4 Haende alt... Das klingt doch fuerchterlich! 

Die Pfannkuchentorte
Am Wochenende kam Alessandro, auch ein weltwaerts-Freiwilliger aus Pucallpa (Hamburg). Seinen Besuch habe ich ganz vergessen, deswegen war es um so lustiger und natuerlich spontaner. Wir gingen in eine kleine Bar und haben „Katzenkralle“ getrunken. Dies ist ein Getraenk aus der Selva, hergestellt aus einer Wurzel und getrunken wird es mit Cola. Spaeter sind wir noch in die Disco gegangen. Drei Gringos. Wir wurden auf Biere eingeladen und generell war es ein sehr gelungener Tag und ein umso gelungener 20-Geburtstag, vor dem ich so viel Angst hatte von vornerein. Unbegruendete Angst.

Und jetzt noch mal zur Kritik an dem weltwaerts-Programm. Seit 2008 gibt es dies nun schon und dieses Jahr wird es evaluiert. Ich habe von vielen Freiwilligen gehoert, dass sie keine richtigen Aufgaben haben, da es einen Vertrag gibt, dass keine Arbeitskraefte vor Ort entlassen werden duerfen wegen uns, die kostenlos arbeiten. Aber was bleibt denn da noch uebrig fuer Aufgaben? Helfen sollen wir, aber im Buero, wo jeder nur an seinem Computer sitzt? Alessandro erzaehlte auch von dem Problem. Im Campo sei viel zu helfen, aber im Buero... Genauso geht es Erik und mir und all den anderen. Aber ist es denn nicht Sinn des Programmes etwas zu lernen, mitzunehmen und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil von uns, Weltwaertslern, in der Entwicklungspolitik taetig werden, hat es dann nicht schon seinen Sinn vollbracht? Ich meine, dass ich so viel selber als Person mitnehme. So unglaublich viel, dass Woerter dies nicht ausdruecken koennen. Und vielleicht erreiche ich ja mit den vielen, kleinen alltaeglichen Geschichten und  Bildern von Menschen, die ich im Blog versuche zu beschreiben, ja auch jemanden in Deutschland. Ist das nicht schon genug?  Ich weiss es nicht, ich hoffe es. Dies muesst ihr mir sagen. Aber was ich als aller Erstes gelernt habe und was, meiner Meinung nach, am Praegensten ist, dass in der Schule nur mit Definitionen gehandhabt wird. Was ist Bruttoinlandsprodukt, was ist Armut, was ist... BIP ist das und das;  Armut ist, wenn Menschen weniger als unter 2 US$ am Tag haben, extreme Armut 1 US$; Unterernaehrung ist weniger als 1400kcal zu sich nehmen... Was nuetzen denn solche Definitonen? Die Menschen im Campo (dies bezieht sich alles auf meine Erfahrungen im Campo in der Selva, wo man nie verhungern wird; in Staedten, anderen Klimazonen etc. sieht das natuerlich ganz anders aus) brauchen  gar kein Geld. Sie haben alles was sie zum alltaeglichen Leben brauchen, bauen alles selber an. Sie sind arm, nach der Definition, extrem arm.  Was ist denn extrem arm, bitte? Sie haben Kleidung, Essen, Schulbildung, gruenden und sind taetig in Organisationen, haben Hoffnung und streben ihre Ziele an. Extrem arm? Fuer mich sind diese Menschen reich, sogar sehr reich. Manch einer wuerde sich diese positive Einstellung am Leben nur wuenschen. 

Bitte beurteilt selber ueber das weltwaerts-Programm. Der Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes in Peru, Gerhard Friedrich, besuchte Freiwillige in ganz Peru. Darueber gibt es einen Artikel. Wer Lust hat, kann weiterlesen : )

http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6209049,00.html 


Donnerstag, 4. November 2010

Fabelhafte Welt

So verrueckt wie mein Leben mir selber hier vorkommt, erscheint mir auch alles drum herum erfreulicherweise verrueckt... somit fuehl ich mich nicht ganz einsam in meiner kleinen, fabelhaften Welt am Rande des Wahnsinns... ach nein, Urwalds.

Mein "super" Markt in Villa Rica
Ganze zwei Tage hatten wir in DESCO eine „Reunion“ (Versammlung, oder neudeutsch Meeting ;) ) gehabt. Diese konzentrierte sich hauptsaechlich auf das beliebte Thema des Mann-Frau-Verhaeltnisses, unter anderem am Arbeitsplatz, Benachteiligungen/Bevorzugung, Diskrimination und so weiter, und so weiter. Zum ersten Mal sah ich die ganze Mannschaft von DESCO:
-  DESCO Urbano (in Lima -> all die staedtischen Probleme)
- DESCO Sierra (in Arequipa -> Entwicklungszusammenarbeit hauptsaechlich mit Frauen und Alpaka-,bzw. Lamawolle)
- DESCO Selva Central mit der Zweigstelle in Izscozasin (Kaffee-, Kakaobauern plus Bananen als komplimentaer Pflanze, Lebensverbesserung mit Latrinen und Kuechenbau...)

Ausserdem gab es eine weitere NGO Ramona Maria, die sich nur mit Frauenrechten etc  auseinandersetzt. Die ganze Thematik, so wichtig und essentiell sie ist, wurde nicht ernst genommen. Hauptsaechlich wurde es bemerkt in den Kommentaren, Witzen und Vorschlaegen, die auf Kosten des anderen Geschlechts gemacht wurde. Wenn jemanden bewusst sein wuerde, dass dieses Problem existiert und somit ernst genommen wuerde, wuerden keine Witze im Raum von 40 Leuten Platz haben. Dieses Problem existiert aber, dass sieht man am einfachen Campo-Beispiel, welches wir alle Tag fuer Tag miterleben. Alle maennlichen Mitarbeiter werden „Ingeniero“ bezeichnet (auch wenn sie diesen Titel nicht besitzen), aber alle weiblichen Mitarbeiterinnen (die unter anderem Ingenieure sind) werden jediglich als kleine, suesse, verniedliche „Señoritas“ bezeichnet. Zwei Tage haben sich langgezogen und aendern wird sich eh nichts, um ganz optimistisch zu sein...

Das dieses Problem so offensichtlich ist, wird in allen Alltagsgeschichten und alltaeglichen Anektoden wiedergefunden: Samstag Nachts in einer vollen Disko in Villa Rica tanzen wir in einem Kreis von vielleicht 6 Personen (3 weibliche und 3 maennliche Geschoepfe). Ploetzlich kommt ein Mann auf einen im Kreis stehenden Freund (! maennliche Person !)  zu und fragt ob er mit mir tanzen kann. Aehhm, Entschuldigung?! In welchem Zeitalter befinden wir uns? Haben wir kein Mitspracherecht, wenn es um mich als Person geht? Wenn es  sich doch nur um einen Tanz handelt? Mittelalter war doch schon vorgestern.
Leckere Chicha (lila Mais), stilvolles Getraenk aus der Plastiktuete

Am langem Wochenende ueber dem 1.November fuhren Erik und ich nach Oxapampa (dem Staedchen/Doerfchen/Provinzhauptstaedchen von der Region Pasco, alles faellt hier eine Nummer kleiner aus, hab ich das Gefuehl : ) ) um andere weltwaerts-Freiwillige zu besuchen. Am Samstag angekommen, viel mir sofort diese geordnete, diese struktuelle Vorgehensweise auf, in allen Aspekten. Die Stadt ein reines Schachbrettmuster. Der Park penibel sauber gehalten. Alles pikobelo fein- nicht ganz Peru like. Das sind halt die vielen deutschen Einfluesse. Schliesslich waren es diejenigen auch, die die Stadt erbaut haben, inmitten der Augenbraue der Selva- zwischen Anden und dem tropischen Urwald. Gleich nach zwei Stunden Aufenthalt, lernten wir 4 weitere weltwaerts-Freiwillige kennen. Dies wird Vernetzung der Weltwaertsler genannt oder wie die Kritik von den Politikern ueber das weltwaerts-Programm belaechelnd bezeichnet wird als „Entwicklungstourismus“. Jedenfalls habe ich mich mit den 2 Maedchen sofort super verstanden und fuhr am Sonntag mit einem Collectivo zu ihnen nach Quillacú. Ein Collectivo ist ein ganz normales Auto (z.B. VW Combi) welches als Taxi oder Kleinbus dient. Je nach der Definition der jeweiligen Person-subjektiv. In unserem Beispiel vom Combi gibt es vorschriftsmaessig und eigentlich auf physikalisch nur 4 Plaetze plus den Fahrer. Naja... knapp... in meinem Fall: 
Die besten Plaetze sind hinten- Schulweisheit

1. Reihe: 5 Personen vorne- der Fahrer auf einem Sitzplatz und auf dem Beifahrerplatz: unten der Mann, rechts oben auf dem Schoss die Frau, links oben auf dem Schoss das eine groessere Kind und in der Mitte der Frau und des Kindes ein kleineres Kind.
2. Reihe des Autos (also theoretisch, die letzte im Combi) weitere 5 Personen eingequetscht
 Und im Kofferraum (und ein exlusiver Rabatt von 50% vom regularen Fahrpreis) sassen stolze 5 Personen...und ich, also 6- aber ich als Riese sollte eigentlich als 2 Personen zaehlen. 4 Personen quetschten sich normal mit dem Ruecken anlehnend an der Lehne und 2 Kinder hockten auf unseren Fuessen. Also, liebe Matheliebhaber, wie viele Leute waren es insgesamt? Et voila, die stolze Summe von 14 Personen in einem Combi- jetzt die subjektive Frage: Taxi oder Busunternehmen sind die Collectivos? Jedenfalls wird so lange vor der Abfahrt gewartet bis alle Platze, auch die imaginaeren, besetzt sind. Guenstig  ist die Fahrt jedenfalls, ob sicher, da bin ich mir sicher, dass es nicht so ist. Aber es wird ja bloss die maximale Geschwindigkeit von 40 km/h erreicht, also alles ist loco. Mi vida loca.

Weiter geht es verrueckt vor. Wie gesagt, am Sonntag fuhr ich zu den Maedels, die in einer sozialen NRO, Prosoya, arbeiten. Diese beschaeftigt sich mit jungen Maedchen vom 14 bis zum 18 Lebensalter. Die Eltern hatten kein Geld fuers Essen, fuer die Schule und/oder wurden geschlagen. Jetzt in einem Haeuschen haben sie alles was sie brauchen. Viele Kurse (Chor, Vollkornbrotbacken, Pralinenfabrik, Schmuckherstellung aus Samen etc) und andere attraktive Aktivitaeten geben den Maedchen Hoffnung auf ein Leben voller Zukunft. Sie erlernen ihr Selbstvertrauen zurueck, arbeiten hart, lernen fleissig, und wissen, dass sie alles im Leben schaffen koennen, wenn sie nur daran arbeiten und sich selber nicht vergessen. Dies war so ein schoener Tag. Ich habe so viel Kraft getankt, wie schon lange nicht mehr. Ich ging mit den Freiwilligen an den Fluss, assen auf den grossen Steinen Granadinen und sprangen die Steine flussaufwaerts entlang. Bald wird der Fluss sich ausbreiten in der Regenzeit. Dies mussten wir also ausnutzen und fanden viele tolle Plaetze um Lagerfeuer mit gegrillten Marshmallows zu machen mit dem jungen Maedchen aus Prosoya. Zurueck im Haus, sahen wir auf der Auffahrt ein „deutsches Rotes Kreuz“ Auto. Wer koennte das denn sein? Zahnaerzte-, und Helferinnen, die die Gaumenspalte kostenlos operieren und von dem tollen Projekt gehoert haben und doch gleich vorbei gekommen sind. Wieder Deutsche : ) Alles Deutsche : ) Doch komischerweise, erschienen sie mir doch sehr steif im Gegensatz zu den offenen und herzlichen Peruanern. Obwohl wir uns geduzt haben, als Entwicklungstoursiten auf Zeit (sie arbeiten nur im Urlaub im Ausland, so etwa wie Aertze ohne Grenzen), aber zum Abschied gabs nur einen kalten, aber auch herzlichen Haendeschuetteln.

Señor de los Milagros, alles aus Blumen
Zum Schluss, kurz vor Abfahrt, lernte ich noch einen polnischen Pfarrer kennen. Also um mich auch klar auszudruecken. Das Doerflein besitzt gerade einmal 15 oder ein bisschen mehr Haeuser. Und ausgerechnet dort finde ich zwei eingesaessene Deutsche (Ladeninhaber), zwei deutsche Freiwillige, fuenf „deutsches Rotes Kreuz“ Helfer und einen polnischem Pfarrer. Ist das Glueck, Zufall oder Schicksal? Naja jedenfalls war dieser kurze Besuch bei dem Pfarrer so herzerwaermend. Einfach unglaublich. Er war so polnisch : Gleich war der ganze Tisch voll mit Popcorn, suessen und salzigen Nuessen, Pfirsichen, Schokolade, Teesito und Kaffeesito (also die perunische suesse Verkleinerungsformen fuer Tee und Kaffee). Zwar war ich verwirrt, erschrocken, entsetzt oder welches Wort am passensten erscheint, da sein Haus ein reinster Luxus war- von Mikrowelle, Mixer, Gigantenkuehlschrank bis hin zum Riesenfernsehschirm und Ledercouch... Und im Nachbarhaus muessen Kinder zur Prositution gezwungen werden, damit wenigstens ein bisschen Geld ins Haus reinkommt. Es wird nicht „Prositution“ gennant, aber „kellnern in einer Bar bis zur Morgendaemmerung“... Jedenfalls ist es das Gleiche, haben uns die deutschen Ladenbesitzer gesagt. Aber freundlich, herzlich und wohlwollend ist der liebe Pfarrer aus meiner zweiten Heimat doch. Der ganze Tag war einfach vollkommend. Herzerwaermend von vorne bis hinten. Und natuerlich so loco wie es immer sein muss- jedenfalls bei mir  oder in Peru verlief die Heimfahrt mit dem Collectivo nach Oxa. Eine Frau mit Kind begleitete mich nach Hause zum Freund, da ich ihr sympatisch war und sie totales Interesse an Deutschland hatte. Und zusaetzlich habe ich den Ueberblick im Kaestchensustem der Stadt verloren. Ein Mann drueckte mir eine kleine Plastikkarte mit einem Gebet und dem Abbild der Jungfrau Maria in die Hand und 3 Kinder machten Fotos von sich mit meiner Kamera als Erinnerung fuer mich.

schrecklich ueberlichtetest Bild, aber eine tolle Erinnerung






Ein kurzer Einblick in mein kleines, fabelhaftes, verruecktes Leben am Rande des Urwalds- mi loca vida.