So verrueckt wie mein Leben mir selber hier vorkommt, erscheint mir auch alles drum herum erfreulicherweise verrueckt... somit fuehl ich mich nicht ganz einsam in meiner kleinen, fabelhaften Welt am Rande des Wahnsinns... ach nein, Urwalds.
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| Mein "super" Markt in Villa Rica |
Ganze zwei Tage hatten wir in DESCO eine „Reunion“ (Versammlung, oder neudeutsch Meeting ;) ) gehabt. Diese konzentrierte sich hauptsaechlich auf das beliebte Thema des Mann-Frau-Verhaeltnisses, unter anderem am Arbeitsplatz, Benachteiligungen/Bevorzugung, Diskrimination und so weiter, und so weiter. Zum ersten Mal sah ich die ganze Mannschaft von DESCO:
- DESCO Urbano (in Lima -> all die staedtischen Probleme)
- DESCO Sierra (in Arequipa -> Entwicklungszusammenarbeit hauptsaechlich mit Frauen und Alpaka-,bzw. Lamawolle)
- DESCO Selva Central mit der Zweigstelle in Izscozasin (Kaffee-, Kakaobauern plus Bananen als komplimentaer Pflanze, Lebensverbesserung mit Latrinen und Kuechenbau...)
Ausserdem gab es eine weitere NGO Ramona Maria, die sich nur mit Frauenrechten etc auseinandersetzt. Die ganze Thematik, so wichtig und essentiell sie ist, wurde nicht ernst genommen. Hauptsaechlich wurde es bemerkt in den Kommentaren, Witzen und Vorschlaegen, die auf Kosten des anderen Geschlechts gemacht wurde. Wenn jemanden bewusst sein wuerde, dass dieses Problem existiert und somit ernst genommen wuerde, wuerden keine Witze im Raum von 40 Leuten Platz haben. Dieses Problem existiert aber, dass sieht man am einfachen Campo-Beispiel, welches wir alle Tag fuer Tag miterleben. Alle maennlichen Mitarbeiter werden „Ingeniero“ bezeichnet (auch wenn sie diesen Titel nicht besitzen), aber alle weiblichen Mitarbeiterinnen (die unter anderem Ingenieure sind) werden jediglich als kleine, suesse, verniedliche „Señoritas“ bezeichnet. Zwei Tage haben sich langgezogen und aendern wird sich eh nichts, um ganz optimistisch zu sein...
Das dieses Problem so offensichtlich ist, wird in allen Alltagsgeschichten und alltaeglichen Anektoden wiedergefunden: Samstag Nachts in einer vollen Disko in Villa Rica tanzen wir in einem Kreis von vielleicht 6 Personen (3 weibliche und 3 maennliche Geschoepfe). Ploetzlich kommt ein Mann auf einen im Kreis stehenden Freund (! maennliche Person !) zu und fragt ob er mit mir tanzen kann. Aehhm, Entschuldigung?! In welchem Zeitalter befinden wir uns? Haben wir kein Mitspracherecht, wenn es um mich als Person geht? Wenn es sich doch nur um einen Tanz handelt? Mittelalter war doch schon vorgestern.
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| Leckere Chicha (lila Mais), stilvolles Getraenk aus der Plastiktuete |
Am langem Wochenende ueber dem 1.November fuhren Erik und ich nach Oxapampa (dem Staedchen/Doerfchen/Provinzhauptstaedchen von der Region Pasco, alles faellt hier eine Nummer kleiner aus, hab ich das Gefuehl : ) ) um andere weltwaerts-Freiwillige zu besuchen. Am Samstag angekommen, viel mir sofort diese geordnete, diese struktuelle Vorgehensweise auf, in allen Aspekten. Die Stadt ein reines Schachbrettmuster. Der Park penibel sauber gehalten. Alles pikobelo fein- nicht ganz Peru like. Das sind halt die vielen deutschen Einfluesse. Schliesslich waren es diejenigen auch, die die Stadt erbaut haben, inmitten der Augenbraue der Selva- zwischen Anden und dem tropischen Urwald. Gleich nach zwei Stunden Aufenthalt, lernten wir 4 weitere weltwaerts-Freiwillige kennen. Dies wird Vernetzung der Weltwaertsler genannt oder wie die Kritik von den Politikern ueber das weltwaerts-Programm belaechelnd bezeichnet wird als „Entwicklungstourismus“. Jedenfalls habe ich mich mit den 2 Maedchen sofort super verstanden und fuhr am Sonntag mit einem Collectivo zu ihnen nach Quillacú. Ein Collectivo ist ein ganz normales Auto (z.B. VW Combi) welches als Taxi oder Kleinbus dient. Je nach der Definition der jeweiligen Person-subjektiv. In unserem Beispiel vom Combi gibt es vorschriftsmaessig und eigentlich auf physikalisch nur 4 Plaetze plus den Fahrer. Naja... knapp... in meinem Fall:
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| Die besten Plaetze sind hinten- Schulweisheit |
1. Reihe: 5 Personen vorne- der Fahrer auf einem Sitzplatz und auf dem Beifahrerplatz: unten der Mann, rechts oben auf dem Schoss die Frau, links oben auf dem Schoss das eine groessere Kind und in der Mitte der Frau und des Kindes ein kleineres Kind.
2. Reihe des Autos (also theoretisch, die letzte im Combi) weitere 5 Personen eingequetscht
Und im Kofferraum (und ein exlusiver Rabatt von 50% vom regularen Fahrpreis) sassen stolze 5 Personen...und ich, also 6- aber ich als Riese sollte eigentlich als 2 Personen zaehlen. 4 Personen quetschten sich normal mit dem Ruecken anlehnend an der Lehne und 2 Kinder hockten auf unseren Fuessen. Also, liebe Matheliebhaber, wie viele Leute waren es insgesamt? Et voila, die stolze Summe von 14 Personen in einem Combi- jetzt die subjektive Frage: Taxi oder Busunternehmen sind die Collectivos? Jedenfalls wird so lange vor der Abfahrt gewartet bis alle Platze, auch die imaginaeren, besetzt sind. Guenstig ist die Fahrt jedenfalls, ob sicher, da bin ich mir sicher, dass es nicht so ist. Aber es wird ja bloss die maximale Geschwindigkeit von 40 km/h erreicht, also alles ist loco. Mi vida loca.
Weiter geht es verrueckt vor. Wie gesagt, am Sonntag fuhr ich zu den Maedels, die in einer sozialen NRO, Prosoya, arbeiten. Diese beschaeftigt sich mit jungen Maedchen vom 14 bis zum 18 Lebensalter. Die Eltern hatten kein Geld fuers Essen, fuer die Schule und/oder wurden geschlagen. Jetzt in einem Haeuschen haben sie alles was sie brauchen. Viele Kurse (Chor, Vollkornbrotbacken, Pralinenfabrik, Schmuckherstellung aus Samen etc) und andere attraktive Aktivitaeten geben den Maedchen Hoffnung auf ein Leben voller Zukunft. Sie erlernen ihr Selbstvertrauen zurueck, arbeiten hart, lernen fleissig, und wissen, dass sie alles im Leben schaffen koennen, wenn sie nur daran arbeiten und sich selber nicht vergessen. Dies war so ein schoener Tag. Ich habe so viel Kraft getankt, wie schon lange nicht mehr. Ich ging mit den Freiwilligen an den Fluss, assen auf den grossen Steinen Granadinen und sprangen die Steine flussaufwaerts entlang. Bald wird der Fluss sich ausbreiten in der Regenzeit. Dies mussten wir also ausnutzen und fanden viele tolle Plaetze um Lagerfeuer mit gegrillten Marshmallows zu machen mit dem jungen Maedchen aus Prosoya. Zurueck im Haus, sahen wir auf der Auffahrt ein „deutsches Rotes Kreuz“ Auto. Wer koennte das denn sein? Zahnaerzte-, und Helferinnen, die die Gaumenspalte kostenlos operieren und von dem tollen Projekt gehoert haben und doch gleich vorbei gekommen sind. Wieder Deutsche : ) Alles Deutsche : ) Doch komischerweise, erschienen sie mir doch sehr steif im Gegensatz zu den offenen und herzlichen Peruanern. Obwohl wir uns geduzt haben, als Entwicklungstoursiten auf Zeit (sie arbeiten nur im Urlaub im Ausland, so etwa wie Aertze ohne Grenzen), aber zum Abschied gabs nur einen kalten, aber auch herzlichen Haendeschuetteln.
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| Señor de los Milagros, alles aus Blumen |
Zum Schluss, kurz vor Abfahrt, lernte ich noch einen polnischen Pfarrer kennen. Also um mich auch klar auszudruecken. Das Doerflein besitzt gerade einmal 15 oder ein bisschen mehr Haeuser. Und ausgerechnet dort finde ich zwei eingesaessene Deutsche (Ladeninhaber), zwei deutsche Freiwillige, fuenf „deutsches Rotes Kreuz“ Helfer und einen polnischem Pfarrer. Ist das Glueck, Zufall oder Schicksal? Naja jedenfalls war dieser kurze Besuch bei dem Pfarrer so herzerwaermend. Einfach unglaublich. Er war so polnisch : Gleich war der ganze Tisch voll mit Popcorn, suessen und salzigen Nuessen, Pfirsichen, Schokolade, Teesito und Kaffeesito (also die perunische suesse Verkleinerungsformen fuer Tee und Kaffee). Zwar war ich verwirrt, erschrocken, entsetzt oder welches Wort am passensten erscheint, da sein Haus ein reinster Luxus war- von Mikrowelle, Mixer, Gigantenkuehlschrank bis hin zum Riesenfernsehschirm und Ledercouch... Und im Nachbarhaus muessen Kinder zur Prositution gezwungen werden, damit wenigstens ein bisschen Geld ins Haus reinkommt. Es wird nicht „Prositution“ gennant, aber „kellnern in einer Bar bis zur Morgendaemmerung“... Jedenfalls ist es das Gleiche, haben uns die deutschen Ladenbesitzer gesagt. Aber freundlich, herzlich und wohlwollend ist der liebe Pfarrer aus meiner zweiten Heimat doch. Der ganze Tag war einfach vollkommend. Herzerwaermend von vorne bis hinten. Und natuerlich so loco wie es immer sein muss- jedenfalls bei mir oder in Peru verlief die Heimfahrt mit dem Collectivo nach Oxa. Eine Frau mit Kind begleitete mich nach Hause zum Freund, da ich ihr sympatisch war und sie totales Interesse an Deutschland hatte. Und zusaetzlich habe ich den Ueberblick im Kaestchensustem der Stadt verloren. Ein Mann drueckte mir eine kleine Plastikkarte mit einem Gebet und dem Abbild der Jungfrau Maria in die Hand und 3 Kinder machten Fotos von sich mit meiner Kamera als Erinnerung fuer mich.
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schrecklich ueberlichtetest Bild, aber eine tolle Erinnerung
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Ein kurzer Einblick in mein kleines, fabelhaftes, verruecktes Leben am Rande des Urwalds- mi loca vida.