In manchen Momenten kommt mir das Leben so surreal vor und dann wieder, in einem anderen Moment, werde ich mit Tatsachen auf den Bodens geworfen. Genau so ploetzlich geschieht dieser Sprung wie das Wetter hier wechselt. Die Regenzeit. Es faengt an. Der Untergang. Aber dazu wann anderes Mal, denn jetzt ist es gerade noch sonnig und ich moechte nichts hervorrufen. Zwar kann ich keinen Regentanz tanzen, aber vielleicht gibt es ja sowas wie ein „Blogartikel-Regen-Gefuehl“, wer weiss. Hier ist alles moeglich : ). Deswegen lass ich es lieber und schreibe dann auch ueber meinen Fortschritt des Bauen einer Arche Noah!
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| Das Team an dem Tag |
Eines dieser Tage wie im Maerchenbuch, gefuellt mit Lachern, Erfahrungen, Spannung, Wehmut, Hoehepunkten und Tiefpunkten war dieser eine Tage als vier DESCO-Mitarbeiter und ich nach Yunculmas (zur der Comunidad Nativa worueber ich schon einmal berichtet habe („Mein grosses, grosses Herz“). Um kurz zur erklaeren: Das letzte Mal als wir dort waren, auf Anfrage des Praesidenten der Kaffeeorganisation, haben wir einen „Curso“ gemacht ueber die Arbeit der NGO DESCO und wie wir ihnen ehrenamtlich helfen moechten den Lebensstandart zu verbessern. Die Bauern muessten wirklich nicht viel machen, nur mitarbeiten und Willen zeigen. Keine Unterschrift. Kein Druck. Kein (fast)Gar nichts.). An dem besagten Tag sollten wir die Kaffeeplantagen besichtigen, fuer das erste Einschaetzen und vielleicht fuer die kleinen ersten Verbesserungen. Denn die meisten Plantagen sind 30 Jahre alt, nicht gepflegt, arm an Ertrag. Aber mit ein paar wenigen Handgriffen, koennten sofort Erfolge erzielt werden wie z.B Ventilation der Finka (ein paar Aeste wegbrechen, die eh abgetrocknet sind) und aehnliche banale Arbeiten. Angekommen, erwarten uns schon 20 „Indigenas“. Langsam, langsam warm geworden, erzaehlen sie uns, dass sie Angst haben. Angst vor was, fragten wir uns. Vor der Mitarbeit. Abhaengig zu sein. Veraeppelt zu werden. Wir versuchten mit ihnen zu reden, ihre Aengste zu nehmen. Aber es gab keinen Erfolg. Sie haben Angst zu etwas zu unterschreiben, denn sie bezeichnen sich selber als ungebildet und nichtswissend. Sie muessten nichts unterschreiben, wollten wir ihnen erklaeren, aber nein. Ich weiss nicht wie ich es erklaeren soll. So viele Comunidad Nativas haben sehr gute Erfahrung mit uns, Mitarbeiter sind auch Indigenas, die auch die indigene Sprache sprechen koennen; aber wieso haben sie so Angst. Ich stelle mir das so schrecklich vor, Angst zu haben jemanden zu vertrauen zu koennen. Vor allem jemanden zu vertrauen, der nur die Hand ausstreckt und wirklich nicht viel mehr erwartet als die Hand anzunehmen und zusammen weiterzuarbeiten. Sie blockieren sich selber und werden diese Mentalitaet wahrscheinlich weiter leben und weiter an die Kinder geben.
Enttaeuscht fuhren wir Fuenf weiter mit dem Auto. Wir sind zwei ganze Stunden gefahren um nur ein „nein“ zu hoeren. Wirklich enttaeuscht waren wir alle, aber ich war auch noch fassungslos dazu. Nach Hause oder in das Buero wollte keiner und somit fuhren wir durch die Gegend. Sinnloses Benzinvergeuden. Nicht ganz, denn als wir zufaellig in ein Dorf kamen, haben wir Plakate gebastelt um vielleicht dort mit Bauern eine Kaffeeorganisation zu gruenden (Um Maerkte erschliessen zu koennen muessen Bauern einer Organisation zugehoerig sein. Fuer Kleinbauern, ohne Organisation, ist es unmoeglich den Kaffee zu verkaufen ohne Einbussen zu erleiden.) und dort taetig zu werden mit der „asistencia tecnica“. Das war schnell erledigt und wir fuhren weiter. Vier erwachsene Maenner und ich, wie die Blume unter all dem Gras (ein spanisches Sprichwort, worueber sie gelacht haben), die einen Humor haben wie kleine Kinder, buntes Kaugummieis moegen und sich mit Gras bewerfen, fuhren den ganzen Tag herum. Von 6 Uhr morgens bis um 17 Uhr. Verschwendung der Entwicklungsgelder? (Kritik darf wohl geaeussert werden!) Sie erzaehlten und redeten irgendetwas von Brautschleier die ganze Zeit. Ich verstand nicht, dachte ich mir, dass ich mit meinem Brocken Spanisch bestimmt da ganz falsche Schluesse ziehe; so unwahrscheinlich ist das ja nicht. Schliesslich sind alle verheiratet und haben mehrere Kinder. Wieso dann der Brautschleier? Um 17 Uhr und ganz genau 200 km (da wir kreuz und quer gefahren sind und natuerlich die bekannten 10-30km/h) spaeter erfuhr ich das Geheimnis. Ein wahrhaftiges Geheimnis mitten im Dschungel. Ich habe alles richtig verstanden. Es ist ein wunderschoener, riesiger, inspirierender Wasserfall. 50 m fliesst er in die Tiefe, gigantisch. Unten vereinigen sich ein Fluss aus einer suedlicheren Richtung und der Wasserfall, bzw. der Fluss aus westlicher Richtung. Ploetzlich geht der erste Mitarbeiter ins Wasser, der Zweite folgt. Ich zoegerte nicht lange und rannte los ins warme Nass. Nicht zu leugnen ist, dass es schon November ist, und ich bade im Fluss, hoere vor mit den Wasserfall, der so duenn und ewig fliessend aussieht wie ein wunderschoener, unschuldiger Brautschleier. Ich lege mich auf das Wasser und sehe die ganzen bunten Voegel am Himmel kreisen. Sehe die Mitarbeiter lachen und rumplanschen. Ach, so schoen koennen Novemberabende sein. Nach einer Kokosnuss fuer uns alle und 5 Mangos fuer einen Sol (ca 25 cent) fuhren wir zurueck. Nach zahlreichen Chupetes (Milch-,Kokosnusseis, selbstgemacht und himmlisch lecker) erreichten wir Villa Rica. Arbeit kann ganz schoen anstregend sein, nicht wahr? Auf dem Heimweg wurde ich so oft gefragt, ob das ein schoener Tag fuer mich war. Ob ich mir Peru so vorgestellt habe und ob ich zufrieden bin. Ich habe das Gefuehl, dass sie das nur fuer mich gemacht haben. Was kann ich denn sagen, als dass das ein einzigartiger Tag war, ein Tag der sich wahrscheinlich so nie wiederholen wird.
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| El Velo de la Novia |
So wie die Tage gehen und kommen, so gehen und kommen die Jahre. Ich wurde 20. Angstvoll und doch total neutral entgegnete ich dem Tag. Als ich eine Austauschschuelerin in Amerika 2007 war, war mein Geburtstag eine reine Katastrophe. Es war der einzige Tag an dem ich Heimweh hatte. Aber das war kein Heimweh mehr, 24 Stunden, eine gefuehlte Ewigekeit, habe ich bloss geweint. Deswegen war ich ein bisschen nervoes, wie es denn jetzt sein wird. Drei Jahre spaeter, in einem noch exotischerem Land und ganz allein (ohne Gastfamilie). Aber der Tag fuehlte sich an wie ein ganz normaler Tag, Alltag. Nur morgens wurde ich von einem munterem Erik aufgeweckt mit einer Torte voller Pfannkuchen. Zwischen den Pfannkuchen waren ganze Obstschichten und Schichten aus Haferschleim. Hmm... sooooo unglaublich lecker. Damit hat mir Erik so eine Freude gemacht. Auf der Arbeit war nichts los. Als wir dann abends gehen wollten, stoppten uns die Mitarbeiter. Wir assen noch Torte (richtige Sahne-, Kaffeetorte) und tranken Inka Cola bis zum spaeten Abend. Ein Geburtstag, ein wahrhaft toller Geburtstag, doch leider ganz ohne das Bewusstsein, dass ich schon 20 Jahre alt bin. Frueher in der Kindheit, habe ich mit Hilfe von Haenden gerechnet. Am 11.11. wurde ich ganze 4 Haende alt... Das klingt doch fuerchterlich!
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| Die Pfannkuchentorte |
Am Wochenende kam Alessandro, auch ein weltwaerts-Freiwilliger aus Pucallpa (Hamburg). Seinen Besuch habe ich ganz vergessen, deswegen war es um so lustiger und natuerlich spontaner. Wir gingen in eine kleine Bar und haben „Katzenkralle“ getrunken. Dies ist ein Getraenk aus der Selva, hergestellt aus einer Wurzel und getrunken wird es mit Cola. Spaeter sind wir noch in die Disco gegangen. Drei Gringos. Wir wurden auf Biere eingeladen und generell war es ein sehr gelungener Tag und ein umso gelungener 20-Geburtstag, vor dem ich so viel Angst hatte von vornerein. Unbegruendete Angst.
Und jetzt noch mal zur Kritik an dem weltwaerts-Programm. Seit 2008 gibt es dies nun schon und dieses Jahr wird es evaluiert. Ich habe von vielen Freiwilligen gehoert, dass sie keine richtigen Aufgaben haben, da es einen Vertrag gibt, dass keine Arbeitskraefte vor Ort entlassen werden duerfen wegen uns, die kostenlos arbeiten. Aber was bleibt denn da noch uebrig fuer Aufgaben? Helfen sollen wir, aber im Buero, wo jeder nur an seinem Computer sitzt? Alessandro erzaehlte auch von dem Problem. Im Campo sei viel zu helfen, aber im Buero... Genauso geht es Erik und mir und all den anderen. Aber ist es denn nicht Sinn des Programmes etwas zu lernen, mitzunehmen und wenn auch nur ein klitzekleiner Teil von uns, Weltwaertslern, in der Entwicklungspolitik taetig werden, hat es dann nicht schon seinen Sinn vollbracht? Ich meine, dass ich so viel selber als Person mitnehme. So unglaublich viel, dass Woerter dies nicht ausdruecken koennen. Und vielleicht erreiche ich ja mit den vielen, kleinen alltaeglichen Geschichten und Bildern von Menschen, die ich im Blog versuche zu beschreiben, ja auch jemanden in Deutschland. Ist das nicht schon genug? Ich weiss es nicht, ich hoffe es. Dies muesst ihr mir sagen. Aber was ich als aller Erstes gelernt habe und was, meiner Meinung nach, am Praegensten ist, dass in der Schule nur mit Definitionen gehandhabt wird. Was ist Bruttoinlandsprodukt, was ist Armut, was ist... BIP ist das und das; Armut ist, wenn Menschen weniger als unter 2 US$ am Tag haben, extreme Armut 1 US$; Unterernaehrung ist weniger als 1400kcal zu sich nehmen... Was nuetzen denn solche Definitonen? Die Menschen im Campo (dies bezieht sich alles auf meine Erfahrungen im Campo in der Selva, wo man nie verhungern wird; in Staedten, anderen Klimazonen etc. sieht das natuerlich ganz anders aus) brauchen gar kein Geld. Sie haben alles was sie zum alltaeglichen Leben brauchen, bauen alles selber an. Sie sind arm, nach der Definition, extrem arm. Was ist denn extrem arm, bitte? Sie haben Kleidung, Essen, Schulbildung, gruenden und sind taetig in Organisationen, haben Hoffnung und streben ihre Ziele an. Extrem arm? Fuer mich sind diese Menschen reich, sogar sehr reich. Manch einer wuerde sich diese positive Einstellung am Leben nur wuenschen.
Bitte beurteilt selber ueber das weltwaerts-Programm. Der Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes in Peru, Gerhard Friedrich, besuchte Freiwillige in ganz Peru. Darueber gibt es einen Artikel. Wer Lust hat, kann weiterlesen : )
http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6209049,00.html
Wow mein Schatz, es ist so toll diese Erfahrungen mit dir teilen zu dürfen! Es macht unglaublich viel Spaß deine Erzählungen zu lesen und du beschreibst alles so intensiv, dass man das Gefühl bekommt, man hätte all dies fast selbst erlebt:) Ich hoffe dir geht es so gut wie es sich anhört!? Denke sehr oft an dich!!!
AntwortenLöschen100000 Küsse <3<3<3
Hallo Betty,
AntwortenLöschenich glaube, das Wichtigste an allem ist der Austausch, der Verständnis schafft. Wir wissen nicht, wie andere "besser" leben sollten und es wäre hochmütig und falsch, sie zu unseren Verhaltensweisen zu drängen. Zu oft wurden diese Völker unter dem Vorwand, helfen zu wollen, ausgebeutet und ihr spezielles Überlebenssystem zertört. Da wundert mich die Angst vor Euch wenig. Deine lebendigen Berichte und deine herzliche Art auf Menschen zuzugehen bewirken sicher mehr, als alle Einmischungen in fremde Kulturen! Weiter so <3 Drück dich <3 Ute