Mittwoch, 15. Dezember 2010

Luegen haben kurze Beine und ein noch schlechteres Gewissen



Eigentlich nennen mich und beschreiben mich hier alle als „taff“. Taff, da ich hier ohne meinen „Eheman“ (wie kann denn eine Frau ohne Ehemann reisen); taff, da ich ohne meinen Vater in Peru bin  (wie kann denn als Senorita ohne Vater reisen); taff, da ich mich ohne Probleme eingelebt habe und alles mit vollen Zuegen geniesse. Doch als ich einen Tag „krank“ war, spielten alle verrueckt. Und das Schlimmste, ich war ja gar nicht krank. Ich wollte bloss mit Ramon an einem Dienstag eine Wanderung mit einem Tourguide machen, und das Einfachste war zu sagen, ich sei krank... Magen-Darm... so unwahrscheinlich ist das ja nicht in einem Entwicklungsland. Morgens fuhren wir los, wanderten 10 km und als ich wieder Empfang auf der Bergspitze hatte, sah ich auf meinem Handydisplay, dass ich 3 Anrufe in Abwesendheit hatte. Mich ruft hier keiner an, also muss meine Arbeit gewesen sein. Nach tollen Eindruecken, einem kalten Bad im Wasser und einem kleinen, tropischen Regenschauer wanderten und fuhren anschliessend nach Hause nach unserer 6 Stuendigen Wanderung. 
Ich rief Erik an um nachzufragen wie die allgemeine Situation war im Buero. Er sagte mir alle seien so beunruhigt wegen mir, den ganzen Morgen wollten Mitarbeiter zu mir fahren und Medikamente vorbeibringen. Zu Hause angekommen duschte ich und wusch ich die schmutzigen Sachen, und  sass anschliessend auf meinem kleinen Treppenansatz zum Bad und schnitt mir die Findernaegel. Die Tuer stand weit offen, da es heiss-feucht von der Dusche war. Auf einmal guckte ich nach oben und seh 4 Frauen in der Tuer stehen: meine Vermieterin, ihre Tochter und 2 Mitarbeiterinnen. Mein Chef, der aus Lima zu besuch war, wartete im Auto unten. Sie fragten nach wie es mir denn ginge und ob ich irgendetwas benoetige... Oh man, ich hab mich so schlecht gefuehlt. Die machten sich ernsthaft Sorgen um mich, und mir ging es besser als nie zu vor. Doch ...ich glaube aber doch, dass meine psychische Verfassung sich auch in meinem Gesicht wieder spiegelte, denn sie meinten mir ging es gut, aber noch nicht gut genug um zur Arbeit zu gehen. Nach so einem schoenen, wundervollen und exotischem Tag hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass die Schoenheit des Wasserfalls weggeblasen war und nur mein schlechtes Gewissen im Vordergrund meiner Gedanken war.

Ic h hatte das Glueck oder Unglueck am Freitag auf das Campo zu fahren in meine Lieblingsregion. Die Region ist fast gar nicht infrastruktuell beschlossen, deswegen gibt es auch nicht so viele Kaffeefinkas in den Bergen und die Natur ist sich selber ueberlassen. Losgefahren sind ein Mitarbeiter und ich um 5 Uhr morgens. Zurueckkehren sollten wir um 14 Uhr. Nach einem Tag im Campo muss ich auch nicht bis um 18:30 Uhr im Buero sein. Also gefiel mir die Idee ein etwas laengeres Wochenende zu haben. Angekommen auf der eigenen Finka von dem Mitarbeiter begruesste uns die Mutter herzlich. Ich lief mit ihr ins Maisfeld um Maiskolben fuer das Fruehstueck zu sammeln. Ich hatte, Gott sei Dank, ein Stueck Kaese aus Villa Rica mitgenommen. Choclo nennt man das kleine Gericht fuer Zwischendurch, welches aus einer weissen Maiskolbe besteht mit einem kleinen Stueck weissem, salzigen Kaese. Und das hatte ich zum Fruehstueck. Selber gepflueckt und gekocht ueber dem Feuer schmeckte es hervorragend zum Kaffee von der eigenen Finka, natuerlich auch selber geroestet. Wir waren dort im Auftrag von DESCO Kaffeepflaenzchen abzuladen. Die Cooperation, die wir als NGO auch foerdern zu bilden, bekommt pro Bauer 1500 Kaffeepflaenzchen, die erst nach der ersten Ernte zurueckbezahlt werden sollen fuer die Kosten der Pflanze und Transport. Abgeladen, wollten wir noch eine „asitencia tecnica“ machen. 

Wir gingen los und ich sah bunte Samen mit denen Yanesha Nativas Schmuck herstellen. Ich habe schon einige Sachen mit denen gebastelt, aber auf dem Stueck Land waren so unendlich viele Samen, sodass ich nicht daran einfach vorbeigehen konnte. Ich blickte Frederico, den Mitarbeiter, fragend und bittend zu gleich an, ob er ohne mich gehen koennte. Ich wuerde hier auf ihn warten. Nach 20 Minuten kam er wieder, half mir weiterzusammeln. Ein paar Schritte weiter, fanden wir neue Buesche mit den Samen. Ich pflueckte eifrig. Der Besitzer des Stueck Landes kam entgegen und Frederico lachte, dass ich, „die Gringa“ Kaffee stehlen wuerde. Der Besitzer lachte und meinte, dass er dort gar keine Kaffeepflanzen haette. Nach einer kurzen Plauderei, schenkte er mir 8 Avocados und 4 Zitronen. Nach dem tollen Mittagsessen auf der Finka von Frederico wollten wir los. Um 13:30 Uhr um genau zu sein. Nach den ersten 100 Metern sahen wir, dass es einen Erdrutsch gab. Und zwar keinen kleinen, einen gewaltigen. Unser Pick-Up konnte ihn nicht ueberqueren. Eine Stunde versuchten wir vergeblich Steinchen um Steinchen so hinzulegen, sodass das Auto den neuen Berg ueberwinden konnte. Nach der einen Stunde fing es an zu regnen... Der Matsch wurde schwerer, tiefer. Das Auto sponn mehr und mehr.Durchnaesst und durchgeschwitzt konnte ich nichts in Bewegung bekommen. Frederico sass am Steuer und sonst waren wir allein. Ich habe mich so hilflos gefuehlt. Fast so wie in einer Matheklasur als ich keinen Ansatz kannte die Aufgabe zu loesen. In Mathe war mit bloss wichtig zu bestehen oder die Note „befriedigend“ zu bekommen. Aber hier ging es um mehr. Kein Handynetz, das naechste Dorf 7 km weit weg, Kaelte, Hitze, Hunger, Wut und Frust. Es gab keinen Ausweg. Dachte ich zumindestens. Nach 1 ½ Stunden haben wir es wie durch ein Wunder geschafft. Frederico hatte zum Glueck einen Hammer dabei womit er die keilen Steine abschlug.

Die Strasse voll mit spitzen Steinen, die vom Erdrutsch 1 Tag zuvor runtergefallen sind und die Strasse unpassierbar machte. Ein Tag noch spaeter, fiel ein Stein der 3m x 5m gross war rechts neben die Bretter... dort stand, den Tag zuvor, unser Auto fuer 1 1/2 Stunden...

Losgefahren sahen wir, dass andere Gefahren und Risiken auf uns warten. Nach einem anderen Erdrutsch verengte sich sie Strasse. Es gibt hier sowieso nur eine Fahrspur und wenn die weiter verengt wird durch Erde und Steine, und auf der anderen Seite der Spur ein steiler Hang runter ins Tal fuehrt, muss man starke Nerven haben um das Auto zu passieren. Der Regen verwandelte sich in Platzregen und Gewitter. Die 24 km, die sonst nur 2 Stunden dauern, dauerten auf dem Rueckweg ganze 5 Stunden! 24 km! Und das auf einer Landstrasse. Wie lange faehrt man in Deutschland auf einer Landstrasse 24km? Ganz nach Villa Rica kamen wir auch gar nicht an mit unserem Auto. Denn „schlaue“ Ingenieure (entschuldigt bitte meinen Sarkasmus) fangen mitten in der Regenzeit an, so etwas wie eine Ueberleitung aus Beton fuer die zahlreichen Fluesse zu bauen. Die Strasse wird einfach gesperrt fuer 3 Tage, da sich alles durch den Regen verzoegert und keiner vorher bescheid weiss. Wir liefen ca. 2 km bis wir wieder Empfang hatten (Gott sei Dank, waren wir schon nah an Villa Rica, nicht auszumalen waere wenn es zu weit waere um Empfang im Handy zu bekommen), riefen wir einen Mitarbeiter an, der uns bitte abholen wuerde. Das Auto parkten wir genau vor der Baustelle, da es unmoeglich war zu drehen (-> zu eng die Strasse) oder rueckwerts zu fahren (-> Schlamm). Das Auto steht da schon seit 2 Tagen und andere Autos warten auch vergeblich.

Also, hier kommen ein paar Ueberlebenstipps, aus 3 ½ Monaten Erfahrung in der Extreme:

-Da man nie weiss, wie lange die Reise dauern wird, bitte immer mehr:

1.) immer und auch wirklich immer Geld einplanen
2.) immer und auch wirklich immer Essen dabei haben
3.) immer und auch wirklich immer mit mehr Zeit rechnen die benoetigt wird.
4.) in einer Autoausruestung ist sind Macheten, Hammer, Seile, Naegel und sonstige handwerklichen Gegenstaende von Noeten
5.) Decken, Handtuecher sind so wichtig wie ein Erste-Hilfe-Kasten
6.) in das Handreisegepaeck immer 2 Paar von allem haben:Schuhe- Gummistiefel und Flip-Flops (das Wetter schwankt von einem Moment von 35 Grad auf 20 Grad mit Regenguessen), Hosen- lange und kurze fuer diejenigen, die sehr schnell schwitzen, sowie Pullis, Regenjacke und T-Shirt
7.) Sonnencreme, da wenn die Wolken nach einem Regenguss sich verziehen, wandelt sich weisse Haut in 5 Minuten in ein Krebsrot und Repellent (wichtig, es muss Repellent sein), denn kein anderes Anti-Muecken-Spray hilft gegen die Biester im Dschungel
8.) Mindestens ein Ersatzreifen, am Besten natuerlich 2 oder mehr, denn oft platzen sie einfach von den Gewichten oder Steinen... und all die anderen Gruende wieso das passiert

2 Kommentare:

  1. Hallo Bettina,
    es ist schön etwas von Ihnen zu hören und zu sehen. Ich bewundere noch immer Ihre Entscheidung. Wie praktisch ist doch dieses moderne Zeitalter, sind diese Kommunikations-möglichkeiten. Alles Gute
    Ihre pw-Lehrerin

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  2. Maus...ich musste eben echt schmunzeln, als ich deinen Bericht las. Du beschreibst die Dinge immer so unglaublich schön, dass einem selbst die schlimmen Dinge gut vorkommen. In dieser Situation mit dem Auto hätte bestimmt jeder totale Angst gehabt...aber nein....meine Betty fängt einfach an Steine wegzuräumen:) Ich bewundere dich echt für deine Stärke und bin sehr froh so eine Freundin wie dich zu haben! Tausend Küsse aus dem eingeschneiten Hamburg.(Stell dir vor: hier gab es heute Schneefrei für die Schüler....jaja...manchmal müsste man noch in der Schule sein:P)

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