Samstag, 16. Juli 2011

Leben und ihre kleinen Wunder

Langsam neigt sich das Ende zu meiner weltwaerts-Erfahrung in Peru. So langsam merke ich, dass ich tag ein und tag aus Kaffeefinkas gesehen habe, aber noch nie wurde ein Foto von mir auf einer Kaffeefinka aufgenommen. So langsam denke ich darueber nach, welche Gegenstaende ich mitnehme, welche ich da lasse und wem ich was uebergebe, die vielen kleinen Habseligkeiten, die ich ueber das Jahr angesammelt habe.
Ich werde nostalgisch. Aber doch sehe ich das Ende nicht vor mir. Es sind noch ungefaehr 15 Tage bevor ich nach Lima zum Ausreiseseminar muss und bevor ich auf meine Mutter antreffe, die mich besuchen kommt. Vielleicht deswegen, sehe ich noch den Abschied so weit weg, da ich in erst Ende August nach Deutschland ausreisen werde.

Ich werde immernoch gefragt, wie ich den mit Nachnamen heisse, denn viele denken, ich kaeme aus Pozuzo, dem deutschen Doerfchen, welche von Aussiedelern aus der Schweiz und Sueddeutschland gegruendet worden ist im 20. Jahrhundert. Und immer wieder werde ich auf’s Neue verbluefft und sage :“ Nein, ich komme aus keiner Familie.“. Ich weiss wirklich nicht wieso ich immer auf die selbe doofe Antwort komme, „ich komme aus keiner Familie“, denn natuerlich habe ich eine Familie, wie jedermann.

Und immer wieder erstauenen mich dieselben Konversationen, die selben Fragen und auch die gleichen, monoten Antworten. Wie lang ich denn schon hier sei, ob ich mich gut eingewoehne, ob ich das Essen auch herrlich finde und ob es kalt sei woher ich herkomme. Seit 11 Monaten fuehre ich die gleichen Disskusionen ueber meinen einzigen Nachnamen, wie am ersten Tag, genau so am letzten. Ich erzaehle von der Tradition, wenn zwei Menschen heiraten, dann gibt es „normalerweise“ nur einen Nachnamen. Wenn ich dann auch noch sage, dass es meistens der Nachname vom Mann ist, lachen die Frauen uns sagen „Machisimo“, also die maennlich denkende und richtende Gesellschaft. Und immer wieder sehe ich die Zweifel in den Augen der Frauen, die mich gleich hinterher fragen, was mit dem Nachnamen der Mutter passiert, und wieso er denn einfach so verschwindet, „aber die Mutter verschwindet doch nicht einfach, eine Mutter bleibt immer eine Mutter“.

So langsam werde ich gar traurig, wenn ich diese kleinen Antektoden nicht mehr erzaehlen werden kann.
Die Geschichten aus dem Winter faszinierten die Bevoeklerung hier in der Selva. „Wie kann ein Mensch denn ueber einen See laufen?“, „Erfriert ihr denn nicht bei Minusgraden?“, „Seit ihr wegen dem vielen Schnee so weiss?“....

Und immer wieder werde ich erstaunt, wieso die Filme, das Fernsehen und die Werbung vollmoeblierte Wohnungen im westlichen Stil zeigen, schoene, weisse Frauen und Sportwagen, die ich noch nichtmal in Lima rasen gesehen habe. Meine Bekannte und Freunde, die ich in diesem Jahr gewonnen habe, fragte ich, ob es denn nicht komisch sei, jeden Tag rund um die Uhr schauen sie Fern und immer wieder sehen sie etwas, was sie gar nicht kennen. Wer braucht denn in der Selva ein Wirlpool, wenn man doch die Fluesse, Quellen und Wasserfaelle hat? Wer braucht denn einen Sportwagen, wenn nur Motorraeder benoetigt werden, oder Rasenmaeher, wenn man Macheten hat? Ich wollte mit der Frage feststellen, ob diese Bilder kuenstliche Wuensche und Ziele wecken wuerden, die tagtaeglich aus Normalitaet aus dem Fernsehen gelten, aber keine Normalitaet im Alltag ist. Aber die Antworten die ich bekommen habe, klingen, als wenn sie entfliehen in eine andere Welt in der Zeit wo sie fernschauen. So wie in eine andere Welt entflohen bin, als ich Avatar gesehen habe.

Diese kleinen Wunder aus dem Alltag, die das Leben erst richtig lebenswert machen, werde ich so sehr vermissen. Genauso wie all die kleinen und grossen Mitmenschen, die ich taeglich bei meinem Marktspaziergang oder Abendsspaziergang begegnet bin.

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