Vor genau 2 Wochen bin ich voller Erwartungen, Traeumen und Vorstellung nach Villa Rica gekommen. Obwohl ich immer diejenige war, die davon gepredigt hat niemals “Erwartungen” zu haben, den diese werden in den meisten Faellen nicht in Erfuellung gehen und somit ist die Enttaeuschung um so groesser. Erwartungen zu haben ist menschlich; menschlich ist auch, dass das Beste fuer die eigene Person nicht einmal gut genug ist. Wer moechte nicht noch reicher, noch huebscher sein mit einem noch groesserem Freundeskreis?
Mein Haus befindet sich unten auf der Karte, links von der Hauptstrasse.
Das Buero befindet sich gaaanz weit oben auf der Hauptstrasse :)
Und trotzdem hatte ich Erwartungen. Ich kam in der Nacht an und habe auf dem Boden von Erik, einem anderer weltwaerts-Freiwilliger der mit mir bei DESCO arbeitet fuer das kommende Jahr, geschlafen. Am naechsten Morgen als ich aus der Haustuer rauskam, fiel mir eines sofort auf. Staub. Ueberall Staub. Die nicht geteerte Strasse, in Deutschland wuerde es nicht einmal Feldweg genannt werden, von La Marced nach Villa Rica (ca 2 Stunden Fahrt) streckte sich auch fort durch die kleine Stadt und weiter ins Campo. Das Staedchen liegt ca. 1,600m ueber dem Meeresspiegel und wird auch liebevoll als “Cejas de la Selva” genannt, die Augenbraue der Selva. Obwohl es Selva Central heisst, liegt es auf Huegeln oder sogar Bergen und ist angenehm kuehler als die tropische Selva. Das Atmen faellt schwer, wenn die zahlreichen Mototaxis oder Pick-Ups durch die Gassen duesen. Es gibt eine Hauptstrasse, 2 oder 3 kleinere Parallelen dazu und viele kleine Gassen. Kurz gesagt, es ist ziemlich uebersichtlich und zugleich unuebersichtlich. “Wo war nochmal der kleine Stand mit den gekochten Bananen im Teig? Gegenueber von der fuenften Apotheke , 3 Gasse vom Baecker… oder doch die 8?”
Das Buero von DESCO liegt genau auf der anderen Seite der Stadt auf einem Huegel ungefahr 15 Minuten Fussweg von meinem Haus; 30 Minuten wenn der Frisch gepresste Orangensaft (Papaya, Bananen, Surtido oder all die zahlreichen anderen Varianten) mit gerechnet werden soll, den ich fast jeden Morgen vor der Arbeit trinke.
Das Team ist relative jung und sehr nett. Sofort wurde ich mit einem Kuesschen auf die Wange begruesst. Der erste Tag im Buero verlief schleppend. Ich hatte nichts zu tun und war die meiste Zeit damit beschaeftigt meine Zeit im Internet zu vergeuden, obowhl ich doch so viel Besorgungen machen wollte. Von 8:30 Uhr bis 13 Uhr und von 15 Uhr bis 18:30Uhr/19 Uhr bin ich und sollte ich eigentlich mit Spanisch lernen verbringen. Na gut, Plaene muessen ja nicht immer umgesetzt werden. Nach der Arbeit habe ich mit meiner Vermieterin gesprochen und konnte gleich einziehen. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und das Badezimmer waren inbegriffen. Meine erste Wohnung, MEINS. Meins. Meins, dass mir keiner so schnell wegnehmen. Meins, mit dem ich bestimmt kann was ich moechte. So langsam habe ich es eingerichtet. Ich habe mir einen Schrank, Geschirr, Wasserkocher, Bettbezug etc. gekauft. Jetzt moecht ich es nur noch ein bisschen gemuetlicher machen, obwohl es mir das Herz zerreist daran zu denken, dass ich das Alles was ich hier mir zurecht zaubere nach meinen Vorstellung, mein erstes Eigentum, zuruecklassen muss.
eine Kaffeefinka mit Bananen
An meinem 2. Arbeitstag ging es dann endlich ins Campo. (Als Campo wird alles ausserhalb der Stadt genannt, in meinem Fall: Kaffeeplantagen sogenannte Finkas oder Doerfer mitten im Urwald (Selva). Endlich etwas Grunes sehen, nach der tristen Lima, nach der staubigen Villa Rica, glitzerten meine Augen und ich konnte mich gar nicht statt sehen. Alles ist gruen und es wird es auch so bleiben ein ganzes Jahr lang. An dem Tag habe ich Kaffeebauern besucht. Sie wurden ueberprueft, ob auch alles mit der Be-, Entwaesserung, Kompostierung und so weiter mit den oekologischen Richtlinien uebereinstimmt. Viele produzieren den aufwendigeren und teureren oekologischen Kaffee, leider nur sehr wenige Fair Trade. Aber dazu komm ich spaeter. Dies ist nu rein Teil mit dem sich DESCO befasst. DESCO ist eine 44 Jahre alte NGO (Nicht-Regierungs-Organisation), die sich mit der sozialen Entwicklung und Staerkung der Leistungsfaehigkeit der Sektoren beschaeftigt.
1.)Verarbeitung und Vermarktung von Kaffee bezogen auf die Produktion, Wertschoepfung von Kaffee und komplementaeren Kulturen
2.)Ernaehrungssicherheit und Ernaehrung allgemein, Produktion fuer den Eigenverbrauch (Hauswirtschaften und Kleinvieh), Fragen ueber Gesundheit, Ernaehrung und die Foerderung des gesunden Wohnens
3.)Umwelt und laendlicher Tourismus, im Zusammenhang mit der Erhaltung der tropischen Waelder und Schutzgebieten, Vorteile des Potentials fuer die Entwicklung des Fremdenverkehrs wecken
4.)Organisation und lokaler Mangament, wobei der Schwerpunkt auf die Staerkung der Erzeugergemeinschaften, Produzenten und Unterstuetzung der lokalen Verwaltung bei der Umsetzung der Entwicklungsprozessen
Ich finde es spannend und faszinierend alles mitzuerleben- hautnah,was die Medien, die Schule, die Bevoelkerung einem jungen Menschen vergeblich (wahrscheinlich zu 90% vergeblich) vermitteln moechte an Wissen, Moralvorstellungen, Idealen und Werten. Ein Buch, ein Vortag, eine Praesentation koennen mir nie das Bewusstsein vermitteln wie viel Kraft, Arbeit, Fleiss und Geduld hinter einer Tasse Kaffee stecken. Bei meinem stressigen Grossstadtleben in Berlin, von Schule ueber meinem Sportverein zur Arbeit bis hin zur naechtlichen Hausaufgabenschichten, trank ich Kaffee wie Wasser. Hab ich jemals nachgedacht was hinter meinem Lebenselixir steckt? Wasser, H20,… Wasserhahn auf, Wasserhahn zu. Aber Kaffee? Nur die Geniesser-Werbungen im Fernsehen; irgendetwas von Arabica mild und fein, herb; Cappuccino. Ach doch, da daemmert mir noch etwas von: oekologischem- und Fair Trade Kaffee. Jetzt seh ich mit meinen eigenen Augen, fuhle mit meinen eigenen Haenden was es bedeutet eine Tasse Kaffee zu geniessen. Wie sehr ich mir doch gewuenscht haette, frueher zu wissen was ich den Menschen die es pflanzen, mit Chemikalien vollspruehen, die es pruefen, die es pfluecken, die es trocknen, die es waschen, die es roesten, die es mahlen,die es verpacken; der Natur und mir selber an tue mit einem konventionellen Kaffee.
Zwischen den Bildern gibt es halt immer noch viel, viel mehr Arbeitschritte. Die Planzen wachsen ein Jahr gesondert, muessen spaeter umgepflanzt werden, besprueht werden. Kaffee wird das ganze Jahr ueber geerntet, da es keine Jahreszeiten gibt wie bei uns. Nach dem Ernten, wird die Kaffeefrucht, die 2 kleine Kaffeebohnen hat, 2 mal gewaschen. Spaeter getrocknet. Dann nach der Groesse sortiert. Im geheizten Ofen wird dann die Schale weggerubbelt. Noch einmal trocknen. Verkauft. Zur Roesterei gebracht und wieder 3 verschiedene Maschienen. Nach dem Roesten, werden die besonders dunklen Bohnen per Hand weggeschmissen. Eine weitere Maschine zermahlt die braunen Bohnen. Und das Alles ist auch nur die extreme Kurzfassung =)
Nie koennte mir ein Buch, ein Vortrag, eine Praesentation nie das Wissen vermitteln koennen ueber Monokulturen, neuen Schnitttechniken, neuen Methoden zur Melioration (3 verschiedene Etappen, alles oekologisch, ohne viel Aufwand, ohne Geldinvestitionen), ueber die Bodenbeschaffenheit und den natuerlichen Zyklus.
Neue Kueche mit Ofen und Belueftung
Alte Kueche
Ja ja, so putzt man Zaehne
Noch nie, obwohl meiner sehr guten Abiturnote in Geographie (Thema: Entwicklungszusammenarbeit), habe ich mir Gedanken gemacht wie der “westliche Lebensstil” in einem Entwicklungsland vorangetrieben wird. Was habe ich mir unter Aufklaerung der Bevoerlkerung vorgestellt? Ich weiss es nicht mehr. Das alles wird so schnell zum Alltag fuer mich. Als ich das erste Mal bei einem Kurs zur “Bevoelkerungaufklaerung ueber Hygiene”, Bau von Latrinen und Kuechenstellen mit meinem Team auf das Campo gefahren bin, habe ich mir machmal gedacht wie hier Menschen leben koennen. Mitten in der Pampa, mitten im Urwald, 5 Stunden durch Schutt-,Stein-,Wasserfallpisten, von meiner winzigen Stadt entfehrnt leben, die ich sogar als etwas primitiv empfinde…ohne Supermarkt. Eine Geburt, ein Todesfall, eine Krankheit… alles aufwendig. Alles minimum 5 Stunden entfehrnt, falls ein Pick-Up, wie das von meinem Team, vorbei kommt und so guetig ist jemanden mitzunehmen. Waehrend des Kurses war ich fassungslos; um erlich zu sein, habe ich mich dabei ertappt. Wie peinlich ich es fande 20 Menschen, allen Altersstufen, meine Kollegin dabei zuzusehen wie sie ueber das Zaehneputzen und das “richtige” Haendewaschen sprach. Es waren ja keine kleinen Kinder, es waren Erwachsene, die es “auch irgendwie” 60 Jahr lang geschafft haben, ohne zu wissen-wie es richtig geht. Ich fuehlte mich wie im Kindergarten. Und der Latrinenbau, kurz gesagt Plumsklo. Ich sehe die Vorteile eine Latrine zu besitzten, ich sehe aber mehr Vorteile eine richtige Toilette zu haben. Dies sind wahrscheinlich meine Denkmuster, die sehr kapitalistisch und aus meiner priviligierten Weltanschauung stammen. Leider. Doch ich merke wie schnell ich diese ablege und gar nicht mehr nachdenke. Ein tolles Beispiel hierfuer: Ich habe nur kaltes Wasser in der Dusche, obwohl ich ein stolzer Warmduscher bin. Das Leitungswasser gibt es nicht 24 Stunden ueber 7 Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr. Abends, ab circa 20 Uhr wird es abgeschaltet (obwohl es keine bestimmte Zeit gibt, machmal frueher, manchmal spaeter) bis morgens um 7 Uhr und mittags fehlt es auch oefters. Es ist sehr schwer Milchprodukte zu kaufen, wenn es doch der Fall ist, dann sind diese ueberteuert (--> Subventionierung Europas erlebe ich wieder hautnah) und die Milch ist Kondesmilch die ich mit Chlorwasser verduennen muss… Oder ich kaufe mir ueberteuertes Milchpulver welches auch aus Europa stammt. Doch habe ich dieses hier in meinem Blog erwaehnt oder in meinem Tagebuch? Die ersten Tage waren eine Umstellung fuer mich, doch jetzt fallen mir diese Kleinigkeiten gar nicht mehr auf.
Nur eines, das faellt mir schwer. Zwar sagen viele Gourmes, die peruanische Kueche sei eine der Besten der Welt, doch ganz hinter dieser Aussage stehe ich nicht. Jeden Tag, machmal 2 oder sogar 3 mal am Tag (falls das Team und ich den ganzen Tag im Campo sind) esse ich Reis, Kartoffeln (oder Maniok) und Huhn. Jeden Tag, 2 oder 3 mal am Tag, die letzten 3 Wochen… Die einzige Variation ist die Sosse, die entweder fuer den europaeischen Gaumen zu salzig oder zu scharf ist und das Stueck Huhn. Doch vielleicht gewoehne ich mich auch daran. Vamos a ver- wir werden sehen. A propos, diese Redewendung hoert man sehr oft. Das Warten und die Unpuentklichkeit, die in den Medien und diversen Buechern vermitteln werden, stimmt mit meinen Erlbenissen ueberein.
Trotzdem freue ich mich auf jeden Tag der kommt. Denn es kommt immer anders als ich mir es vorstelle. Vamos a ver.
Witaj!
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Beata i Lech